Und Sisyphos lacht…
DRACHENBRUT
Der König langweilte sich. Um ihn herum herrschte aufgeregtes, erregtes Getümmel, all diese Helden und Heldinnen für eine Nacht, die Prinzen und Prinzessinnen des Lachens, diese Bereitheit zum Feiern, dieses Warten auf ein Ineinanderfallen, diese Suche und Sucht nach Lust und Finden lag in der Luft, überall hingen Fragezeichen oder standen herum, in allen Gläsern suchten sie Antworten oder nur Kraft zum ersten Schritt. Und über allem flirrte Musik, Musik der Freude und der Anbahnung; zwischen all diesen Märchen Erhoffenden schwirrten die Helfer der Nacht, gaben ihr Bestes, schenkten nichts her aber schenkten fleißig ein, schenkten nach, betreuten die Gralssucher und -sucherinnen und halfen ihnen, die Wege zu ihren Märchenschlössern zu finden.
Und er mitten unter ihnen. Und er langweilte sich und wollte mit den ihn Umgebenden nichts gemeinsam haben. Aber war er denn anders als diese Wochenendhoffer und -hofferinnen? War nicht auch er hergekommen zum Turnier der Eitelkeiten, um seine blaue Blume zu finden? Seine blaue Seele trank sich nur in ein blaues Vergessen hinüber, in eine ihm wohlbekannte Vergeblichkeit, er sah schon sein einsames Bett am Horizont auftauchen und ihm winken. Das Abenteuer würde er auch heute nicht erleben. Der Moment des Sich-Abfindens mit der Unerfindlichkeit der Seelen-Lust taumelte auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr:
„Das war’s für heute; das war’s wieder einmal. Sei nicht traurig, den meisten anderen hier geht es nicht besser: alle suchen und hoffen, aber ihre Traumerfüllung bleibt offen, besoffen wie du machen sie sich auf den torkelnden Heimweg. Sei vorsichtig, versuch nicht zu fallen, du müder Krieger.“
Verhöhnen ließ er sich nicht. Nicht einmal von sich selbst. Er sagte nichts, fand es müßig, sich darauf eine Antwort zu geben. Er schwieg sich an. Na gut, dann eben nach Hause, auf mein Schloss, mein Zuhause ist mein Schloss, dort kann ich mich einschließen, der Welt verschlossen bleiben. Es schlug längst Mitternacht, aber kein gläserner Schuh war auf der Treppe zurückgeblieben. Ja, gib acht auf der Treppe, fall nicht hinunter, fall nicht hinein in die Verzweiflung, sieh es nicht als verlorene Zeit, sieh es nur als weiteren Versuch und gib nicht auf, dich wieder daranzumachen, dein Abenteuer zu finden und zu bestehen, es kommen lichtere Tage, das Dunkel des Nichts-geht-Mehr ist noch lange nicht am Horizont zu spüren. Ab nach Hause in dein Schloss der Ernüchterung.
Da sah er ihn. Neben sich ein weißes Pferd. Sein Gesicht war aufgetaucht aus dem Schaum der Nacht, aus dem Bierschaum der Fröhlichkeit. Und im Ohr des Königs verstummte der grölende Nachtlärm, um diesen wie aus den Fluten aufgetauchten Prinzen strahlte eine Stille, eine Ruhe, ein Bei-sich-Sein, das er an diesem Tummelplatz noch nicht erlebt hatte. Unbeweglich das Gesicht, gebräunte Haut und schwarzes Haar. Der Blick aus grünen Augen ging in die Ferne, wie auf der Suche nach Seelen-Berührung. Nicht traurig war dieses Schauen, nur sehnsuchtsvoll, Abendfröhlichkeit ließ es erkennen, die bald in Nachttraurigkeit übergehen würde. Das alles sah der beobachtende König. Aber das waren doch seine eigenen Gefühle, grübelte er, war er wieder einmal auf einem Spiegel hereingefallen, in einen solchen hineingefallen und starrte in sein eigenes Gesicht? Oft hatte er das schon erlebt: Er glaubte, einen Nähe suchenden Blick gefunden zu haben und starrte doch nur in einen Spiegel, in seine eigenen Augen. Nein, das konnte nicht sein; er hatte keine schwarzen Haare, keine grünen Augen. Ein vertrauter Fremder stand ihm gegenüber. Oder saß er? Er wirkte nicht groß zwischen all diesen lärmenden Körpern, schien Berührungen auszuweichen, war dabei nicht verletzlich, doch standhaft, gefestigt in sich. Das sah der König.
Dann trafen sich ihre Blicke. Wie ein soeben aus dem Stein gezogenes Schwert blitzte der Stahl seiner Augen zu ihm herüber, nicht zum Angriff hob er es hoch, es war ein Rittergruß aus einem fernen Land. Kurz konnte der König dem Augen-Blick standhalten, dann musste er blinzen; zu sehr war er von dem stummen Herüberruf geblendet, und er schaute zu Boden. Nur eine Sekunde. Und als er wieder hinsah, war die Erscheinung verschwunden, hatte sich dieser grünäugige Ritter in Luft aufgelöst. Auch das weiße Pferd war verschwunden. Hatte er die Begegnung nur geträumt? Hatte ihm seine Sehnsucht etwas vorgegaukelt, wie so oft, und hatte das Trugbild etwas vorgespukt, etwas aus seiner Seele hervorgeholt, es zu einem Trugbild geformt und wieder entschwinden lassen? Ging es ihm wie Faust, der, entflammt von neuem Jugendfeuer, die schöne Helena in der nächtlichen Spiegelung zu sehen meinte? War er demselben Wahn erlegen, dem Sehnsuchtswahn, und hatte geglaubt, einen Hoffnungsschimmer entdeckt zu haben?
Egal. Die Erscheinung war verschwunden. Es hielt ihn nicht mehr lange auf diesem Kampf- und Trinkplatz dieser nächtlichen Fröhlichkeitsritter und -ritterinnen, es drängte ihn heimwärts. Noch einmal suchte er, wie schon zuvor, nach einem gläsernen Schuh, nach einer Spur des Verschwundenen. Vergeblich. Er ließ die Droschken stehen und ging zu Fuß durch das Dunkel des Nachtrausches. Lang war sein Weg, lang zog er sich hin, länger, als er ihm jemals erschienen war. Ab er kam an. Niemand hat ihn erwartet.
Die Zeit verstrich. Die Begegnung versank in seiner Erinnerung, dort pflegte er sie und holte sie hervor, wenn ihm danach war. Das Leben trottete weiter, scheinbar unverändert, doch etwas war anders geworden. Seine Sehnsucht hatte ein Bild gefunden, hatte Gestalt angenommen, hatte ein Ziel gesehen, nach dem er Ausschau halten konnte, nur war nicht zu erkennen, in welcher Richtung er zu suchen hatte. Er zog sich wieder zurück in sein Elfenbeinschloss, umgab sich mit vertrauten Worten und Klängen. Er fand wieder hinein in seine Rolle des einsamen Königs und fand sich damit ab, er hatte wieder einmal keine Erfüllung gefunden, kein Gegenüber, nur sein Spiegelbild, kein Ebenbild. Von Zeit zu Zeit ritt er aus, tauchte er in die Oberflächlichkeit des grellen Dunkels, wo er hörte und sah, aber nichts fand. Dennoch: Er hatte sich verwandelt. Wie war es ihm doch früher wohler ergangen, als er noch bedingungslos gesucht hatte. Jetzt hatte er eine Ahnung davon, was er finden wollte. Seine Sehnsucht hatte Gestalt angenommen, flüchtig nur, war aufgetaucht und sofort wieder verschwunden.
Lange Zeit blieb es so. Oder war es nur kurz? Die Tage verschwammen, auch die Nächte, gnädiges Vergessen breitete sich aus.
Dann sah er ihn wieder. Wieder inmitten wilden Getümmels, doch etwas war anders: Er sah ihn an, ein grüner Blick in seine blaue Sehnsucht, als hätte er auf ihn gewartet. Stumm sprachen seine Augen zu ihm, ein Lächeln schwamm in ihnen, das sich ihm zeigte, aber nichts versprach. Der König war gebannt. Unverwandt sah er den Prinzen an, bis er sich endlich überwand und sich ihm näherte. Da verschwand das Sehnsuchtsbild wieder, verschwand wie beim ersten Mal, war erneut unauffindbar, unfindbar geworden.
Der König saß noch eine Weile in der bunten Jagdgesellschaft, trotz des abermaligen Verschwindens des Prinzen war eine Zuversicht in ihm entstanden. Es war keine einmalige Erscheinung gewesen, keine Einbildung seines Herzens, es gab ihn wirklich, war er ihm zweimal begegnet, dann konnte es wieder geschehen, dessen war er sich sicher, dessen wollte er sich sicher sein. Er sann noch immer nach über das, was ihm begegnet war, als er sich schon längst auf dem Heimweg befand. Etwas war anders gewesen, er hatte etwas im Blick dieses Prinzen gesehen, das sich zeigen wollte, sich andeutete aber nicht verriet. Der Jüngling hatte gewirkt, als wäre er gefangen, zurückgehalten von einem Bann, dazu verurteilt, sich auf niemanden einlassen zu dürfen, ganz so, als würde er von einer über ihm stehenden Macht bewacht; als wäre er mit einem Zauber belegt, dem er nicht entfliehen konnte, wie sehr er sich auch bemühte. Diese Hexenmacht hatte ihn geschwächt, hatte ihn gefesselt und eingesperrt. So schien es dem König. Und je länger er darüber nachdachte, umso mehr wuchs in ihm die Gewissheit: Dieser Prinz war verhext. Etwas bedrohte ihn und ließ ihn nicht frei. So stark war diese dunkle Macht, dass der Prinz nicht eingesperrt bleiben musste, nicht verbannt in einen Turm, irgendeinem dunklen Verlies, nicht verwandelt in einen Frosch, nein, er konnte sich bewegen, konnte die Welt aufsuchen, sich in ihr aufhalten, konnte sich zeigen, aber immer nur scheinbar, immer nur kurz: es war ihm verwehrt zu bleiben. Nirgends war Verweilen, bei niemandem. Er schien mit Seelenketten festgehalten, denen er nicht entfliehen konnte, von denen er sich nicht zu lösen vermochte.
Das alles wurde dem König in seiner einsamen Denkburg klar und deutlich. Es musste so sein, dachte er, der Prinz war gebunden. Nur was es war, das den schönen Jüngling festhielt, konnte er nicht erkennen. Ob es eine Erlösung gab? War er stark genug, die Seelenfesseln zu zerreißen, er, der Prinz, oder er, der König? Wollte er das überhaupt? Wollte der Prinz befreit werden und war es dem gefühlserfahrenen König wert, die Anstrengung des Befreiungsarbeit auf sich zu nehmen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen? Er wusste nichts von diesem schönen Unbekannten, er war ihm fremd, vielleicht hatten sie sich gar nichts zu sagen, gar nichts zu geben. Vielleicht würde er sich als eine weitere Stummheit und Dummheit in seinem Menschen suchenden Leben entpuppen, wenn er seinen Kokon verließ? Ein schöner Schmetterling, schön, aber sonst nichts? Doch was sollte die Grübelei, schalt er sich selbst, wie sollte er es je erfahren, wenn er es nicht versuchte. Und es wurde ihm zur Gewissheit: Sollte sich eine Möglichkeit ergeben, er würde alles daransetzen, sich auf das Abenteuer einzulassen.
Und ein drittes Mal erschien er ihm. Wieder umgeben von Lärm und Lachen, aber jetzt, bei der dritten Begegnung, war wieder etwas anders: Als schien er ihm zu winken, von weitem zu grüßen, als sei er froh, ihn wiederzusehen. Dennoch verschwand er erneut nach kurzer Zeit, ohne sich ihm genähert zu haben, ohne eine Annäherung des Königs zuzulassen. Er verschwand, nur diesmal hob er die Hand, gab ihm ein Zeichen und war weg. Langsam gewöhnte sich der König an dieses Spiel, langsam fand er Gefallen daran. Da war einer, der seine alternde Sehnsucht erkannt hatte, dem es gefiel, von ihm begehrt zu werden. Der König ging heim mit der Gewissheit, ihn wiederzusehen.
Lange musste er warten, fast zweifelte er schon an der Möglichkeit einer neuerlichen Begegnung, er begann sich damit abzufinden, dass es einen weiteren Verschwundenen in seinem Leben gab. Einen Verschwundenen, der ihm noch gar nicht richtig erschienen war, der aufgetaucht war und den er noch nicht erkannt hatte, der ihm noch nicht greifbar, begreifbar geworden war. Doch es begab sich. In einem unerwarteten Moment stand er vor ihm, wie aus dem Nichts, wie ein Geist aus der Flasche. An einem Abend, als wenig Lärm war, als weniger Nachtturnier-Träumer unterwegs waren als an festlichen Tagen. Er stand neben ihm, körperlich spürbar.
„Hast du auf mich gewartet?“
„Ja. Ich warte, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Aber ich bin überrascht.“
„Wieso?“
„Ich habe gewartet, aber erwartet habe ich dich nicht. Ich dachte, du seiest ein Wolkenprinz, unauffindbar verborgen in deinem Wolkenschloss.“
„Hier bin ich. Darf ich dir nahe sein?“
„Jede Art von Nähe ist mir recht.“
„Darf ich dich begleiten?“
„Du kommst mit mir?“
„Ja.“
„Ohne mich näher zu kennen?“
„Ich will dir näherkommen.“
„Ganz einfach so?“
„Frag nicht. Versuch nicht, alles zu verstehen, bereits im ersten Augenblick. Hier bin ich.“
Da war er. Und begleitete ihn durch die Nacht, reiste mit ihm durch die Nacht, verschönte ihm die Zeit. Sie taumelten ineinander, umfassten, erfassten einander, feierten ihr Finden und ihren Fund. Aber die Reise ging nicht bis ans Ende der Nacht.
Der König war eingeschlafen, glücklich ermattet von ihrem Nacht-Abenteuer, und als er erwachte, war der Wolkenprinz verschwunden. Und hinterließ keine Spur, keine Nachricht, als wäre er nie gewesen. Nur sein Duft hing noch im Raum, der einzige, sich langsam verflüchtigende Hinweis darauf, dass es ihn gegeben hatte, fast die ganze Nacht.
Der trennungsgewohnte König nahm es hin, suchte nicht verzweifelt nach ihm, er war daran gewöhnt, an die lichtscheuen und tagesfeindlichen Abenteuer der Nacht, diese Einnachtsfliegen.
Aber er blieb aufmerksam. Er suchte die Turnierstätte auf, auf der sie einander begegnet waren, immer wieder suchte er diesen Ort auf, immer hoffend, immer sich selbst beschwichtigend, das Erlebte als einmaliges Nacht-Stück zu sehen. So ging es, so war es zu ertragen, so hatte er es lange geübt und ausgeübt. So hielt er es aus, er verklärte es zu einer weiteren einmaligen Erinnerung. Doch teilen konnte er sein Hochgefühl mit niemandem. Kein Mensch hätte ihm seine Engels-Begegnung geglaubt, ihm, dem alternden König. Also behielt er es bei sich, behütete das Erlebte in seinem Inneren, richtete ihm ein Zimmer in sich ein, suchte es dort auf und genoss das Gehabte, erfreute sich daran, den Gral in Händen gehalten und aus ihm getrunken zu haben. So war es ihm möglich zu leben. Er hatte die Schönheit gesehen, hatte sie bei sich gehabt, sich an ihr erfreut. Er genoss die ihm gebliebenen Bilder einer Nacht und machte sie sich dadurch wieder gegenwärtig.
Da tauchte er wieder auf. Dich wie erneut verändert, wie seltsam war es diesmal. Der König entdeckte, wie klein der Prinz war, hilflos, ja hilfesuchend wirkte er; er war diesmal nicht allein, er stand dort in der Ecke mit einer roten Mütze auf dem Kopf, war umringt von geifernden Wölfen, die ihre gelben Zähne bleckten und auf eine Gelegenheit warteten, ihn zu schnappen. Der Prinz war fröhlich, schien das ihn umgebende sabbernde Begehren zu genießen, hielt die angegrauten Wölfe dabei wohlweislich auf Abstand. Spielte er ihm etwas vor? Wollte er ihm zeigen, dass er aus einer Märchenwelt kam, zu der er keinen Zugang hatte, dass es ihm nur erlaubt war, ihm so nahe zu kommen, wie es ihm, dem spielenden Prinzen behagte? Aber sie waren sich doch schon einmal nahe gewesen, sollte das gar nicht wirklich geschehen sein, sollte alles nur eine Fata Morgana, eine Luftspiegelung, ein Selbstbetrug gewesen sein? Nein, er hatte die unvollendete Nacht noch genau im Gedächtnis. Unwillig wandte der König seinen Blick ab. „Dann bleibe in deiner Märchenwelt, unter deinesgleichen, zu deinem Spielball lasse ich mich nicht machen.“
Da spürte er den Blick des rotbemützten Prinzen und er musste zu ihm hinsehen.
„Lass es unser Geheimnis sein. Niemand soll es wissen.“
„So will ich es gerne halten. Warum sollte ich etwas erzählen? Und wem?“
„Wer weiß. Aber unser Märchen löst sich auf, wenn andere davon wissen.“
„Von mir erfährt niemand etwas. Das verspreche ich dir.“
„Wir werden sehen. Vielleicht kommen wir wieder zusammen, vielleicht schon bald, vielleicht nie wieder.“
„Ich werde warten und bereit sein.“
Hatten sie gesprochen? Kein Wort war zwischen ihnen gefallen, nur ein kurzer Augen-Blick verband sie, da hatten ihre Seelen sich ausgetauscht. Sie konnten in Gedanken reden. Verwirrt schloss der König die Augen. Und als er sie wieder öffnete, war der Prinz verschwunden. Auch die gierigen Wölfe waren nicht mehr zu sehen. Da hielt es ihn auch nicht mehr an diesem Ort, und er machte sich auf in sein Schloss. Er trug Hoffnung in sich aber auch Zweifel. Was sollte noch werden? Es hatte etwas angefangen, von dem er nicht wusste, ob es eine Folge geben würde. Eine Sehnsucht war geweckt, aber kein Versprechen gegeben. Liebe schien ihm möglich, aber er sah keinen Weg, sie zu leben.
Und dann veränderte sich ihm die Welt.
Eines Nachts stand der Prinz vor seinem Tor. Die Zugbrücke wurde heruntergelassen, der König ließ ihn ein zu sich und ließ ihn ein in ihn. Sie liebten sich und lebten sich. Nichts stand ihnen mehr im Weg, ohne zu suchen hatten sie einander gefunden, hatten sie zueinander gefunden. Ihre Lebenslinien waren aufeinander zugelaufen, und nun liefen sie nebeneinander, miteinander.
Wenn nur der Morgen nicht gewesen wäre. Als der Tag heraufdämmerte, wurde der Prinz unruhig.
„Ich muss in meine Gruft zurück.“
„Bist du ein Vampir?“
„Nein, ich lebe, spürst du das nicht?“
„Und warum kannst du nicht bleiben?“
„Frag mich nicht.“
„Kommst du wieder?“
„Ja, jeden Tag, wenn du willst.“
„Nichts Schöneres kann ich mir vorstellen.“
„Dann lass es so sein. Ohne Fragen. Ohne Antwort.“
Und so entstand ihr Leben. Es wurde ein gemeinsames, sie versteckten sich nicht, doch sie schrien sich auch nicht hinaus in die Welt. Sie zeigten sich, zeigten ihr Zusammensein, und wer sie verstand, sah sie auch. Bald waren ihre beiden Leben ineinander verschmolzen. Nur der Morgen trennte sie. Der Prinz verschwand, kam wieder, blieb, verschwand wieder. Etwas zog ihn, etwas rief ihn, nie blieb er ganz. Es gab auch Zeiten, da blieb er tagelang verschwunden, wochenlang, da schien es dann dem König, jetzt sei das Leben mit dem Nachtprinzen vorbei, und er stellte sich auf die Rückkehr seiner Einsamkeit ein, rechnete mit seiner nicht mehr, fing an, sich an seine Abwesenheit zu gewöhnen. Und kaum hatte er such abgefunden damit, sich wieder in sein Schutzschloss zurückgezogen, da stand er wieder vor ihm.
„Willst du mich noch?“
„Frag nicht. Bleib.“
„Bis zum Morgen. Ich kann nicht anders.“
„So, wie du bist, sollst du sein.“
„Bei dir kann ich es.“
„Bei mir darfst du es.“
„Du erlaubst es mir?“
„Ich habe nicht das Recht, dir etwas zu erlauben oder zu verbieten. Das liegt nur bei dir. Erlaub es dir selbst.“
„Das ist wahr.“
So lief sie dahin ihre Zeit, zwischen Finden und Verlieren, zwischen Abschied und Rückkehr. War ihr gemeinsames Leben auch schön geworden, das Geheimnis hinter seinem Drang zur morgendlichen Flucht stand zwischen ihnen. Wenn er ihn auch nicht fragte, ihn nicht bedrängte, ihn nicht einengte, der König grübelte dennoch über einen Weg nach, das Rätsel zu lösen, ihn von seinem Fluch zu lösen, ihn zu erlösen. Denn er sah, wie auch er unter dem Bann litt. Aber er wollte ihn nicht hintergehen, ihm nicht heimlich hinterhergehen, er wollte sein Versprechen nicht brechen, das Vertrauen nicht missbrauchen. Er beließ es dabei, wie es war, und wartete ab. Er war ja Warten schon gewohnt.
Und er wurde belohnt. Es kam der Tag, an dem sein Warten ein Ende fand. Unvorbereitet traf es ihn, den König des Wartens, aber wie hätte er sich auch vorbereiten können. Ersehnt, erhofft aber nicht erwartet. Überrascht trotz langen Wartens. Der Prinz sah ihn an.
„Heute bleibe ich die ganze Nacht. Und am Morgen begleitest du mich nach Hause. Du sollst Antworten bekommen, du sollst endlich erfahren, was es mir so schwer macht, ganz bei dir zu bleiben. Ja schwer, aber nicht unmöglich. Ich spüre, dass es einen Weg geben wird, den wir zu zweit gehen können.“
Der König blieb stumm. Es gab auch nichts zu sagen. Sein stummes Fragen war noch nicht beantwortet, aber der Anfang einer Antwort war ausgesprochen worden, jetzt galt es abzuwarten, was am nächsten Tag geschehen würde. Schlaf fand der König keinen. Der Prinz hingegen schlief selig. Er wirkte, als ob eine Last von ihm abgefallen wäre, eine Schuld beglichen, ein Anfang gemacht. Und so war es auch. Er hatte es endlich gewagt, aus der Tiefe seines geheimnisvollen Seelen-Meers aufzutauchen, sein Geheimnis zu lüften, ihr Nachtleben auch in ein Tagleben übergehen zu lassen. Aber noch war nichts gesagt, nichts aufgedeckt. Noch war es dunkel.
Die Nacht verging, die Helligkeit kam. Ausgeruht erwachte der Prinz, erfrischte sich und meinte nur:
„Komm, gehen wir.“
Sie machten sich auf den Weg. Der König war überrascht, wie kurz dieser war; bald schon zeigte der Prinz auf einen Berg, der in erreichbarer Nähe, in überwindbarer Ferne lag. Dem König schien, er habe diesen Berg von seinen Burgzinnen aus schon gesehen, schon oft gesehen, ihm aber nie Beachtung geschenkt. Jetzt hielt er mit dem Prinzen an seiner Seite darauf zu und freute sich, das Ziel so nahe vor sich zu sehen. Aber ganz so einfach war es nicht. Der Weg war seltsam verschlungen, durch dschungelartigen Wald führte er, vorbei an zwielichtigen Gesellen und düsteren Hütten. Es erstaunte den König, was alles sich so nahe seiner schützenden Trutzburg an Unheimlichem befand, von welch gefährlich erscheinenden Wesenheiten er umgeben war. Nie wäre er freiwillig hier gegangen, nie hätte er den Nachtprinzen hier gesucht, nie hier dessen Heimat vermutet.
Und dann standen sie vor dem Berg. Der König erhob seinen Blick und suchte; vergeblich suchte er nach einer Burg, einem Schloss, einem Gemäuer. Nichts war zu sehen. Hier war nur Berg. Der Prinz sah ihn von der Seite an und lächelte; er durchschaute sein fragendes Absuchen des Berges. Er lächelte.
„Nicht hinauf, hinein.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Wir müssen hineingehen.“
„Du wohnst im Berg?“
„Keine Angst, es ist nicht gefährlich.“
Der Prinz stieß einen Ruf aus, der nach dem Ruf eines Vogels klang, der dem König einfach, fast gewöhnlich und doch seltsam vorkam. Der Berg öffnete sich und sie traten ein. Das hätte der König nicht erwartet: Wohlige Wärme empfing sie, es war keine roh in den Felsen gehauene Höhle, in die sie gekommen waren, es war einladend und wohnlich in diesen Räumen, ja, Räumen, denn das sah er: Es war hier keine Enge, keine Eingezwängtheit, es war weitläufig, fast endlos. Nichts Bedrohliches erwartete sie, dennoch befiel den König, trotz der ihn umgebenden Heimeligkeit, ein Gefühl des Unheimlichen. Sie waren nicht allein, hinter allen Ecken lugten seltsame Wesen hervor, kleine, fast zwergenhafte, mit großen Köpfen, großen Augen, großen Bäuchen. Sie alle wirkten nicht gefährlich, manche versuchten sogar zu lächeln. Und alle, trotz ihrer Abnormitäten und Hässlichkeit, sahen ihm ähnlich, ihm, dem Prinzen seiner Nächte.
„Das sind meine Geschwister.“
„Aber wie ist das möglich? Du bist schön und sie sind, nun ja, sind es nicht.“
„Komm weiter. Sie wartet schon.“
„Wer ist sie?“
„Meine Mutter. Unsere Mutter.“
Da sah er sie. Und er war sprachlos. Sie war klein, pummelig und lag in einer gemütlich und wohlig wirkenden Ecke der Wohnhöhle, sie hatte ihre Füße wie eine Katze unter ihrem Körper eingezogen, der schuppige Schwanz war eingeringelt, ihr blutrotes Maul war geschlossen, kein Feuerstrahl war auf ihn gerichtet. Nein, sie wirkte nicht gefährlich, wie er es erwartet, befürchtet hatte. Sie erschien ihm verhalten, fast schüchtern, ja unbedarft. Nichts Drohendes war an ihr, eher verschlossene Zurückhaltung. Nur ihre Augen waren offen, und sie blickte ihn mit einer unerwarteten, fast verstörend unerwarteten Sanftheit an. Und jetzt öffnete sie ihr rotes Maul und sprach ihn an.
„Da bist du endlich. Es ist mir eine Freude, dich zu sehen. Lange wusste ich nichts von dir. Erst gestern hat er mir von dir erzählt. Aber gespürt habe ich dich, gespürt habe ich, dass jemand in sein Leben getreten ist, in sein Leben getreten war, der ihn von mir wegzog. Das schmerzt ein wenig, aber damit muss ich leben, muss ich lernen zu leben; ich kann ihn nicht ewig bei mir behalten. Hauptsache ihm geht es gut.“
Diese Stimme hätte er nicht erwartet. Samtweich kam sie aus diesem Maul, das sie nur ein wenig öffnete, als wollte sie ihre Zähne verstecken, die aber dennoch hervorblitzten. Sie wirkte so gar nicht furchteinflößend. Und dennoch… etwas stimmte nicht.
„Komm nur näher, ich bin nicht gefährlich, ich will dir nichts Böses, mein Aussehen täuscht. Viele hat es schon abgeschreckt, noch niemand von außen hielt es lang in meiner Nähe aus. Dabei will ich das gar nicht. Ich bin doch so sanft.“
Aus einem Auge stahl sich eine Träne. Der Vergleich drängte sich auf: Er musste an ein Krokodil denken.
„Wenn du ihn nur glücklich machst, dann ist alles gut, dann soll es mir recht sein. Meine Kinder sind mir doch das Wichtigste auf der Welt. Nur ihr Glück zählt. Jetzt geht wieder. Geht in deine Welt, lasst mich allein.“
„Du bist nicht allein.“
Der Prinz hatte gesprochen. Der König hörte den trotzigen Ton in seiner Stimme, den er bisher, in ihrer Zweisamkeit, nicht wahrgenommen hatte. Als lehnte er sich auf, aber nur ganz zaghaft.
„Was weißt du schon vom Alleinsein. Geht. Aber kommt wieder.“
Und wieder rollte eine Träne aus ihrem krokodilähnlichen Auge. Nie hätte er sich vorstellen können, dass so ein schuppiges Ungetüm so sanft sein könnte. Der König nahm den Prinzen an der Hand und wandte sich zum Gehen. War ja gar nicht so schlimm gewesen, dachte er erleichtert. Bewachende Drachen gibt es nur im Märchen, sie wollen nur schützen, ihre Brut vor Bösem bewahren. So redete er sich ein. Er konnte es noch nicht erklären, nicht in Worte fassen, aber er wusste es: Etwas war falsch gewesen. Sie hatte Falschheit ausgestrahlt. Nichts war echt an ihr: ihr rotes Maul, ihre kreideweiche Stimme, ihre glänzenden Zähne, ihre sanfte Träne. Was war ihr Geheimnis, das Geheimnis ihrer Macht über ihre Brut? Was fesselte den Prinzen an sie?
Die beiden strebten wieder zum Ausgang. Kurz bevor sie diesen erreicht hatten, trat ein dunkles Wesen mit langen schwarzen Haaren, die wie ein Schleier auf ihrer Schulter lagen, aus dem Schatten heraus auf ihn, den König zu und flüsterte ihm ins Ohr.
„Sei vorsichtig. Trau ihr nicht. Sie ist nicht so, wie sie auf dich wirkt. Sie ist blutrünstig und wird dich mit Haut und Haaren fressen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Es geht ihr nicht um das Glück ihrer Brut, sie sucht nur ihren Vorteil, ihren Gewinn. Und alle nützt sie aus, selbst ihre lieben Jungen, um einen Schatz anzuhäufen. Und ja, nur ihre lieben Jungen, nur ihre Söhne bedeuten ihr etwas; ihre Töchter entlässt sie bei erster Gelegenheit in die Freiheit. Macht euch eure eigenen Söhne gibt sie als mütterliche Drachenweisheit mit auf den Weg. Gib acht!“
Das Schleierwesen verschwand wieder im Schatten der Höhle.
„Gib nichts auf sie. Das ist meine Schwester Roxandra, meine ältere Schwester. Sie sieht überall nur drohendes Unheil.“
Der König grübelte. Die vielen Eindrücke schwirrten in ihm, er musste erst Ordnung schaffen. Die Drachenmutter, die Monsterbrüder, die Seherschwester. Noch hatte er kein klares Bild von diesem Samtdrachen. Da waren sie auch schon am Ausgang des Berges, vor ihnen lag in der Sonne der Weg zu ihrem Schloss, denn ja, ab jetzt sollte es ihr gemeinsames sein.
Nun folgte ihre schöne Zeit. Sie lebten zusammen, lebten gemeinsam, Tag und Nacht, der Prinz blieb bei ihm, richtete sich in seinem Leben ein, richtete sein Leben auf seines aus, und auch der König, der langsam alternde König, der es nicht mehr gewöhnt war, nicht allein zu sein, der fast schon aufgegeben hatte, sich eine Zweisamkeit zu erträumen, ging auf den Prinzen ein. Sie lebten gut. Sie waren einander genug, aber sie verschlossen sich nicht in der Burg, in dem Schloss des Königs, sie gingen hinaus in die Welt, durchstreiften sie, erlebten Abenteuer, waren zu Gast in anderen Schlössern und empfingen auch Gäste bei sich. Sie lebten in wohltuendem Einklang, nie gab es Unstimmigkeiten zwischen ihnen.
„Versprich mir nur eins, lass uns nie streiten.“ So bat ihn der Prinz, und der König stimmte freudig zu. Nur manchmal stieg in ihm, dem König, Zweifel auf, ob denn das, was er so lange ersehnt hatte, wirklich geworden war, ob es tatsächlich möglich war, so harmonisch zu leben, oder ob sie nur in einem trügerischen Traum gefangen waren, ob sie sich nur etwas vormachten, das Glück so sehr herbeigewünscht hatten und deshalb daran festhielten. Dann schalt sich der König ob seiner Kleingläubigkeit und ob seines Misstrauens:
„Lass endlich ab von deinen alten Zweifeln, wirf sie hinab von deinem höchsten Turm! Kannst du nicht endlich einfach nur genießen, die Gegenwart genießen und darauf vertrauen, dass es gut ist? Verlange nicht Dauer, die entsteht, kann entstehen, wenn du sie nicht verlangst. Jetzt habt ihr euch, jetzt seid ihr beieinander angekommen. Nimm es an.“
Lange Zeit ging es gut. Lange Zeit gab es keine Schatten in ihrem Leben, nur Sonne und Licht und Gleichklang. Da fasste der König allmählich Zuversicht und ließ sich immer mehr auf den Prinzen ein und ließ das Glück zu. Nie wurde von der Drachenhöhle gesprochen, nie mehr suchten sie sie auf, sie war überwunden, verschwunden, das frühere Leben im Schatten des Drachen schien von dem Prinzen abgefallen zu sein. Zwei Einsamkeiten hatten einander gefunden.
Aber es sollte wieder anders werden. Nach geraumer Zeit war ein klagendes Ruf aus der Ferne zu hören, ganz leise und trauervoll, sehnsuchtsvoll. Das war der Drache. Der König konnte nicht glauben, dass aus diesem schuppigen Körper so sanfte, Nachtigallerufen gleiche Töne herauskommen konnten. Anfangs blieb der Prinz ungerührt. Als ob er das Rufen gar nicht hörte, schien es, so wenig beachtete er es, ja, er schien fast ungehalten darüber.
„Hörst du denn das nicht? Dieses klagende Lied, dieses sanfte Brüllen?“
„Nein, ich höre nichts.“
„Du willst es nicht hören.“
„Warum glaubst du mir denn nicht? Ich verbiete mir, es zu hören.“
Da vertraute der König wieder der neugewonnen Stärke des befreiten Prinzen. Aber das Rufen erschallte immer öfter, und da, der König bemerkte es und es schmerzte ihn, ging eine Veränderung mit dem Prinzen vor. Er wurde immer stiller, in sich gekehrter, fast mürrisch und abweisend. Und auch sein Körper veränderte sich: Auf seinem Rücken erschienen Schuppen, die er verstecken wollte, täglich wurden sie mehr, und es war bald so weit, dass er sie nicht mehr verstecken konnte. Der Fluch des Drachen hatte ihn erreicht, die Drachenliebe hatte ihn wieder eingefangen, die Drachenspinne hatte ihr Netz ausgeworfen, ihn aus der Ferne eingefangen, und er erstarrte, konnte sich nicht mehr wehren.
Und eines Tages war der Drachenprinz weg. Ohne Gruß, ohne Abschied. Er war weg und nicht mehr erreichbar. Der König war verzweifelt, rief ihn suchte ihn, irrte herum im Wald, in der Welt, fand den Weg zur Drachenhöhle nicht mehr, der Prinz blieb spurlos verschwunden. Da zog sich der Verlassene in sein Schloss zurück und versuchte, sich mit der zurückgekommenen Einsamkeit abzufinden. Schwer fiel es ihm, zu sehr hatte er sich schon in das endlich Gefundene eingelebt, verfiel in erstarrte Trauer über das Verlorene.
Doch es war nicht das Ende. Als der Einsame glaubte, es geschafft zu haben, als er glaubte, seine Trauer überwunden und sich mit der Veränderung abgefunden zu haben, stand der Prinz wieder vor seiner Tür. Er erklärte nichts, bat nicht um Verzeihung, flehte einfach nur:
„Nimm mich wieder zurück.“
Zögernd tat er das auch. Und alles schien wieder gut zu werden. Die Schuppen, die sich über den ganzen Körper des Prinzen ausgebreitet hatten, heilten langsam ab, verschwanden, nur Narben blieben. Erinnerungsnarben. Auch in der Seele des Königs blieben Narben.
Und sie lebten wieder zusammen. Versuchten es. Fanden wieder zueinander, hatten ihr altes Leben zurück, genossen es. Eine Zeit lang. Der Drachenruf ertönte eines Tages wieder, nach einer schönen Weile der Ruhe, die Schuppen wuchsen wieder – und der Zurückgefluchte verschwand wieder. Und kam nach einer dem König schier unerträglichen Zeit der Verwundung wieder. Davon war ihr nunmehriges Leben geprägt: Ruhe, Rufen, Schuppen, Verstummen, Verschwinden. Und Wiederkommen.
„Liebe mich trotzdem. Es muss sein. Sie braucht mich.“
„Du musst sie ernähren?“
„Sie braucht mein Blut, ihr Blut.“
„Sie saugt dich aus. Sie lässt dich nicht los.“
„Und ich komme nicht los von ihr. Bitte lass es zu und lass mich so leben. Nimm meine Abwesenheiten hin, und ich komme wieder zu dir zurück. Du wirst mich nicht los. Nie mehr.“
Rückkehr, Ruhe, Rufen, Schuppen, Verstummen, Verschwinden, Rückkehr. So ging es sieben Jahre. Sie wurden älter, auch der Prinz war kein Jüngling mehr. Nur der Drache blieb sich immer gleich mit seiner Forderung. Er wurde hässlicher und stärker, aber nicht älter. Drachen altern nicht, sterben nicht. Man kann sie nur mit Vergessen bannen, mit Übersehen, man muss sie verlassen, um sie zu überstehen.
Rückkehr, Ruhe, Rufen, Schuppen, Verstummen, Verschwinden, Rückkehr.
Doch eines Tages kam er nicht mehr zurück. Der König spürte es, dass dieses Verschwinden nun endgültig war, und er kehrte zurück in seine Einsamkeit. Er zog sich zurück in sein Schloss und umgab sich mit schönen Dingen, hörte Musik und las viel. Las von den Abenteuern der Welt, den möglichen, den erfundenen und wahren, die sich in seinem Kopf breit machten, las sich in sie hinein, lebte ein kunstvolles, künstliches Leben in ihnen. Er gewöhnte sich an sein neues Allein-Leben und begann es sogar zu genießen. Manchmal lauschte er hinaus in die Nacht, in die schwarze Luft der Nacht, aber sie blieb stumm. Kein Drachenruf mehr, die Drachenmutter hatte ihren Prinzen zurück, klebte ihn an sich und nährte sich täglich von seinem Blut. Es war ihr gelungen, nicht feuerspeiend herangeflogen zu kommen, um ihn zu holen, ihr klagendes Rufen hatte ihn betäubt, und ohne Zwang, ohne bedrohlichen Drang war er gegangen.
Von Zeit zu Zeit glaubte der König des Prinzen Stimme zu vernehmen, ein beschwörendes „Hol mich zurück!“, aber der alternde Mann wollte nicht mehr, er lebte in seiner Erinnerung an die Zeit ihrer Liebe, ohne Trauer, ohne Hass, ohne Vorwurf. Er hatte die Schwäche des Drachensohnes erkannt und bedauerte diesen darum, er hatte die Macht des Drachenblutes erkannt, und sie, die Drachenmutter, verachtete er dafür. Ihn, den Verlorenen, ihm dennoch Unverlorenen, liebte er immer noch. Er würde nicht aufhören ihn zu lieben, ihn zu lieben ohne Forderung.
Und wenn der Prinz eines Tages doch wieder auftauchen würde, auftauchen wie ein Meermann mit schuppigem Leib? Aus der grauenvollen Höhle ausbrechen würde? Er würde ihm sein Tor nicht mehr öffnen, sich ihm nicht mehr öffnen, für ihn war eine Rückkehr in eine Gemeinsamkeit endgültig nicht mehr denkbar. Er dachte gern zurück an das erlebte Märchen und sagte sich: Es war einmal…
Und Sisyphos lacht…
Das sind so Tage, die sind einfach zu voll, Tage, an denen mich die Pflicht überrollt,
an denen mich – gewollt oder ungewollt – das tägliche Tun gefangen hält, an denen
von mir verlangt wird, meine Pflicht zu erfüllen, an denen kein Ende in Sicht ist.
Ein Tag, an dem man einen lieben Menschen zu Grabe trägt.
Und der, ausgerechnet der, ruft mir von der anderen Seite zu: „Always look at the
bright side of life!“
Das sind Tage, an denen es Zeit ist. Zeit, das übervolle rollende Leben
abzubremsen. Halt zu sagen, Halt zu machen. Denn das Rollen ist nicht aufzuhalten,
aber es ist auszuhalten.
Dann lasse ich den Sisyphos in mir Pause machen. Und Sisyphos lacht und rollt eine
ruhigere Kugel. Er jammert nicht mehr über die Beschwerlichkeit des ewigen ihn
quälenden Aufwärts, er kann es sowieso nicht ändern, sondern er liebt den ruhigen
Abstieg und erfreut sich am Wandern auf den gemächlichen Wegen und genießt die
sehr wohl erträgliche Leichtigkeit des Seins.
Und es geht, ja, es geht. Es geht ums Zulassen, ums Liegenlassen, das Tun und sich
selbst liegen lassen.
Ich habe zu tun. Ständig zu tun, aber ich vergesse nicht darauf, von Zeit zu Zeit zu
ruhn.
Leben auf dem Mond
Will you stay in our Lovers’ Story
If you stay you won’t be sorry
‘Cause we believe in you
Soon you’ll grow so take your chance
(David Bowie - Kooks)
Oh You Pretty Things
Don’t you know you’re driving your
Mamas and papas insane
(David Bowie - Oh! You Pretty Things)
But her friend is nowhere to be seen
As she walks through the sunken dream
(David Bowie - Life On Mars)
Mein lieber Sohn!
Ich kenne Dich nicht. Das ist nicht meine Schuld. Oder doch? Ich habe erst gestern von Dir erfahren, und ich muss erst lernen, mit diesem Wissen zu leben. Deshalb schreibe ich Dir. Es wird aber kein gewöhnlicher Brief werden. Ich werde alles, was mir in der nächsten Zeit einfällt, wenn ich an Dich denke, niederschreiben. Und ich werde viel an Dich denken. Ich werde nur noch an Dich denken.
Also. Ich fange an.
Gestern habe ich Deine Mutter wiedergetroffen, nach zwölf Jahren. Wir hatten uns damals gekannt, als wir beide noch studierten. Ich habe sie nie geliebt. Ich liebte damals jemand anderen, unglücklich und unerfüllt. Es war die große Liebe in meinem Leben, heute weiß ich das, heute kann ich das sagen. Meine große nie erwiderte Liebe - wie pathetisch, aber so war es. Ich bin Dir noch nicht so nahe, dass ich Dir mehr davon erzählen könnte.
Ja, damals, als ich so pathetisch und so unerwidert liebte, da war Deine Mutter da und hat mich getröstet. Nicht gleich, aber sie war da und hat gewartet, bis ich sie bemerken, bis ich sie annehmen würde. Ich konnte sie anfänglich nicht einmal leiden, ich ging ihr aus dem Weg. Aber sie blieb hartnäckig und unauffällig in meiner Nähe und wartete. Als sie mich unglücklich und leidend sah, da war sie da und kümmerte sich um mich.
Ich habe sie benützt. Ich ließ mir von ihr die Leere in meinem Leben füllen und
Ich konnte gestern nicht mehr weiterschreiben, als ich merkte, wie sehr ich plötzlich in Selbstmitleid versank. Und als ich anfing, mich selbst anzuklagen mit dem Hintergedanken, mich damit nur herauszureden, mich scheinheilig zu rechtfertigen, da konnte ich nicht mehr weiter. Ich schaltete die Maschine ab, mich auch und tauchte in die abendliche Oberflächlichkeit ein. Dort war ich so überzeugend fröhlich, dass ich heute sehr spät mit sehr schwerem Kopf erwachte.
Trotzdem warst Du heute mein erster Gedanke.
Wenn Du mich so sehen könntest! Wenn dieser traurige Anblick, der ich heute bin, Dein erster Eindruck, Dein erstes Bild von mir sein würde? Es wäre sicher kein guter Anfang für uns zwei. Aber ich fing mich wieder und ließ den Tag beginnen. Dann stellte ich mir, noch bevor ich aus dem Bett und in den neuen Tag stieg, vor, Du würdest bei mir sein. Wie alt wirst Du jetzt sein?, dachte ich mir. Vierzehn? Fünfzehn? Siehst Du mir ähnlich? Was interessiert Dich? Glaube mir, in Gedanken führe ich oft Gespräche mit Dir, aber noch bin ich nicht fähig, Dich in meine Wirklichkeit zu übernehmen.
Könnten wir Freunde sein?
Würdest Du verstehen, daß ich Deine Mutter nicht liebe?
Würdest Du zurechtkommen mit dem Leben, das ich heute führe?
Wäre es möglich, dass wir zusammenleben?
Wäre ich fähig, Dir die Zärtlichkeit zu geben, die mein Vater mir nie gegeben hat?
Wäre ich fähig, Deiner anfangenden Persönlichkeit zu helfen, sie dabei aber nicht zu stören?
Könnte ich mein festgefahrenes Leben noch ändern und auf Dich einstellen?
Wäre ich bereit und stark genug, eine Verantwortung zu übernehmen, an die ich nie gedacht habe?
Wäre ich Dir ein guter Vater?
Heute habe ich mir gedacht, ich hasse Deine Mutter. Sie hat Dich mir verschwiegen. Sie wollte Dich haben, aber mir vorenthalten, da sie merkte, wir würden kein gemeinsames Leben führen. Mich konnte sie nicht haben, aber Dich wollte sie bekommen. Du solltest ihr Triumph über mich sein. Und deshalb sollte ich sie eigentlich hassen: Sie wollte Dich aus Liebe zu mir und nicht aus Liebe zu Dir. Sie ließ Dich geschehen und mich im Unwissen. Du warst unterwegs, als sich unsere Trennung schon abzeichnete.
Diese wurde nie deutlich ausgesprochen, sie ergab sich. Die Sommerferien kamen, wir hatten keine gemeinsamen Pläne, wollten uns "irgendwann im Sommer" sehen und verschwanden uns. Wir hatten die Wochen vorher schon sehr wenig miteinander gesprochen, nun verstummten wir endgültig. Es war uns beiden klar, dass wir zu Ende waren.
Dieses Stummsein ist mir geblieben. Ich kann es nicht aussprechen, nicht zeigen, was ich für andere fühle. Ich kann Gefühle darstellen, auf einer Bühne, möglichst mit Worten anderer, ich kann Gefühle in Geschichten packen, in Geschichten um erfundene Leben, die ich nicht führen kann.
Ich kann Deine Mutter nicht hassen für ihr Schweigen. es ist mein eigenes Schweigen, das ich hassen müsste.
- Wie geht es dir?
- Gut, und dir?
Es war wie irgendein zufälliges Wiedersehen von irgendwelchen zufälligen Leuten. Wir sprachen nicht, weil wir uns nichts zu sagen hatten. Dann kam aber doch noch ein Gespräch zustande. Es war noch gar nicht so lange her, dass wir uns getrennt hatten. Zwei Jahre vielleicht, ich weiß es nicht mehr. Ich war noch Student, sie hatte bereits eine Anstellung gefunden. Wir erzählten von unseren Veränderungen, um zu zeigen, dass wir nicht mehr die waren, die wir früher gewesen waren, als wir noch zusammen lebten. Wir wollten von damals nicht reden. Das war zwei Jahre nach unserer verstummten Beziehung. Wir gaben uns selbstsicher, um zu zeigen, wie gut wir doch ohne den anderen jetzt leben könnten. Wir duellierten uns mit unseren Siegen und Erfolgen im Leben und überboten uns mit unseren Zukunftsplänen. Wir täuschten uns mit unserer gegenseitigen Freundlichkeit über die Abwesenheit eines Gefühls zwischen uns hinweg.
Wir? Ich handelte so. Aber auch Deine Mutter machte auf mich diesen Eindruck. Doch war sie noch nicht bereit, mir von Dir zu erzählen.
In der folgenden Zeit sahen wir uns wieder öfter, ich war freundlich und zuvorkommend zu Deiner Mutter, wie um eine alte Schuld einzulösen. Wahrscheinlich fühlte ich mich wirklich schuldig. Aber ich ließ sie nicht an mich heran. Damals hatte ich bereits begonnen, mir meine lederhautähnliche Gefühlsimprägnierung zu schaffen. Meinen Seelen-Frostschutz, meine Heißwachsbeschichtung gegen Verletzungen meiner Gefühle. Meiner Gefühle. Ja, damals fing ich an, andere zu verletzen, indem ich ängstlich darauf achtete, nicht verletzt zu werden.
Und als ich einige Male bemerkte, dass Deine Mutter mit den Tränen kämpfte, da führte ich das selbstherrlich auf ihre noch nicht erloschene Liebe für mich zurück. Wir fingen wieder an, uns aus dem Weg zu gehen. Wir? Ich fing damit an und hielt damit bis zu unserem kürzlichem Treffen durch.
Schon wieder bin ich in Selbstbezichtigung, die doch nur Rechtfertigung ist, verfallen.
Ich will nicht mehr grübeln, warum etwas so war, wenn ich es doch nicht mehr ändern werde.
Ich will an Dich denken. Ich will mich Dir nähern. Ich will mich Dir vorstellen und ich will mir Dich vorstellen, Dich einbilden, Dich bilden.
Was sollst Du wissen von mir? Wie gerne würde ich Dir gegenübersein, in Dein Gesicht sehen, mit Dir persönlich reden, aber - Aber.
Gestern hat mir das Aber den Mut genommen, weiterzureden. Heute geht es wieder. Ich möchte endlich anfangen, mit dir wirklich zu reden.
Ich möchte mit dir über alles reden. Du könntest mit mir über alles reden. Alles? Ja, alles. Alles, was uns einfällt, was du möchtest, was du wissen möchtest, ich würde da sein, dir zuhören, dich anhören, auch ich würde Dir alles sagen, was ich fühle - endlich wäre da ein Mensch, dem ich nicht stumm sein würde. Du dürftest alles aussprechen, was dich betrifft und berührt, nichts brauchte dich zu belasten, alles köntest du los werden, alles. Du würdest neben mir aufwachsen ohne Peinlichkeiten, ohne stumme Fragen, wir würden es den andern schon zeigen, wie das geht, ja es geht! Ein Vater und ein Sohn, die sich Freunde sind, die
Ich musste wieder aufhören. Das war ja nicht mehr auszuhalten. Entschuldige bitte, was ich da im vorhergehenden Teil von mir gegeben habe. Es kommt nicht mehr vor. Ich weiß es auch nicht, es ist mit mir durchgegangen. Der Gedanke, dir als Vater auch der beste Freund zu sein, hat mich einfach davongetragen. Sicher stehe ich auch heute noch zu dieser meiner Wunschvorstellung. Das ist wirklich ein Traum von mir. Ja, von mir. An dich habe ich dabei nicht mehr gedacht. Wer weiß, ob du das überhaupt wolltest, vielleicht hättest du das Bedürfnis, Geheimnisse zu haben, vor mir Geheimnisse zu haben, eben deshalb, weil ich vor dir gar keine hätte. Vielleicht wäre soviel Nähe sogar unangenehm für dich. Ich kenne das doch von mir selber, wie sehr mich ein unverlangtes Näheangebot verstört, wie sehr es mich beengt und mir den Atem nimmt. Es gibt Menschen, deren sich aufdrängende Nähe sie für mich zu Hassobjekten macht, an denen mich plötzlich alles zu stören beginnt, denen ich auf einmal nicht mehr ins Gesicht sehen kann, jede kleine Gewohnheit, jedes häufiger verwendete Wort oder jeder öfter wiederkehrender Satz, jedes unverwechselbare Lachen, jede kleine Leidenschaft - alles würde mir im Weg sein, ich könnte mit diesem Menschen - oft genug schon erlebt! - , der mir ein offenes Ohr und eine offene Seele schenkt, die ich nicht haben will, nicht mehr zusammensein, ich müsste davonlaufen, wieder einmal davonlaufen, selbst wenn mir mein Gehirn sagte, ich würde etwas Wertvolles wegwerfen, mein Bauch und meine Augen würden mein Handeln dominieren.
Auch deine Mutter ist so ein Mensch für mich. Wie oft hat mir, gerade in unserer Endzeit, ihr Kopf neben meinem, in dieselbe Richtung blickend, ihr Atmen und ihr Räuspern, ihre Schluckgeräusche und ihr allzeit wacher und bereiter Blick in meine Augen, wenn ich mich zur Seite wandte und sie ansah, mir einen Stich im Magen versetzt. Ich konnte mich dann nur retten, indem ich mich in die von mir oft geübte und zur Perfektion gebrachte Schweigsamkeit hüllte, konnte nur stumm zeigen, wie genussvoll ich jetzt in meinem Gedankengarten spazieren ging, zu dem sie keinen Zutritt hatte.
Sie hielt es aus. Es war mir unvorstellbar, aber sie hielt es aus und sie hielt aus. Wenn es nach ihr ginge, dann würde sie noch heute neben mir aushalten. Aber es ging nicht nach ihr.
Und Du als mein Sohn - wie leicht könntest Du meine Seelenverschleierungstaktik geerbt haben, vielleicht sogar noch weiterentwickelt. Du könntest Deine Geheimniswelt genauso brauchen wie ich.
Aber brauche ich sie wirklich? Sie ist einfach bei mir und ich lebe mit ihr. Mit meiner Geheimniswelt. Ich bin in sie hineingezogen worden, hineinerzogen, für mich gab es keinen Ausspracheraum, kein Frage- und Antwortspiel, kein Sprechgegenüber, keinen Weltkartenspielpartner, keinen Regelerklärer, sondern nur Seelenpatience im Alleingang. Geduld, Geduld. Ja, das war mein Motto beim rechten und schlechten Aneignen des Lebens im Alleingang. Das macht hart. Mit der Zeit nimmt man Hilfe nicht mehr an, ist die Sehnsucht danach auch noch so groß, aber man wird daran erinnert, etwas versäumt zu haben.
Deine Mutter hatte keine Geheimnisse. Sie spielte mir zwar oft vor, welche zu haben, aber sie spielte schlecht. Und ich verachte Laientheater. Ja, ich gebe es zu, ich verachtete Deine Mutter. Vielleicht bist du ihr ähnlich und du hättest nichts lieber als meine Nähe und ich würde deinem Nähesuchen und Näherkommen aus dem Weg gehen. Vielleicht würde mir dein unbeschriebenes fragendes Jungsein neben mir den Blick auf die Welt verstellen, vielleicht wäre ich durch die Jahre unfähig geworden, meinen Seelenmantel aufzumachen und meine Seele ungeschützt eine andere berühren zu lassen.
Doch nein, ich bin zu weit gegangen. Das ist für mich denn doch nicht denkbar. Ja, es stimmt, ich habe viele Geheimnisse. Vor dir hätte ich aber keine. Vor dir würde ich keine Geheimnisse haben wollen. Deine Mutter hatte keine Geheimnisse. Nur eines.
Ich habe jetzt eine ganze Woche nicht mehr weitergeschrieben. Nicht dass ich nicht gewollt hätte, aber mir waren die passenden Worte für meine Gedanken ausgegangen. Ich bin eine ganze Woche lang herumgegangen in meinem gewohnten Leben und habe Dich mit mir herumgetragen. Ja, es ist wie eine zweite Schwangerschaft. Es gelingt mir einfach nicht, Dich zur Welt zu bringen, obwohl ich Dich spüre. Du wächst in mir, und ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn es Dich plötzlich wirklich geben sollte in meinem Leben.
Vielleicht sollte ich Dir ganz einfach die Geschichte erzählen, wie ich von Dir erfahren habe.
Es war einige Jahre nach dem Abschluss meines Studiums. Ich hatte die Stadt meiner Jugend verlassen und mich wo anders niedergelassen. Ich war gerade dabei, nach einigen Lebensmusterversuchen, mich zu verfestigen. Deine Mutter war, wie so viele andere Vergangenheiten, nur noch eine teilnahmslose Erinnerung. Es gab keinen Kontakt mehr zwischen uns. Sie schrieb mir zwar manchmal zu verschiedenen offiziellen Anlässen wie Geburtstag oder Weihnachten, aber ich stieg nicht mehr auf sie ein. Ich ließ sie ruhen.
Dann ist ihr mein Bruder begegnet. Auf einer Reise hat er sie zufällig kennengelernt. Sie war Direktorin in einem Hotel, in dem er wohnte. Als sie unseren Familiennamen las, sprach sie ihn an. Sie musste sich sehr stark verändert haben oder sie spielte so gut, denn die begeisterten Worte, mit denen mein Bruder von ihr erzählte, ließen mich nicht an die Frau denken, die ich gekannt hatte. Und sie weckten meine Neugier. Wenig später gelang es mir, mir, der ich räumlich immer unbeweglicher wurde, ihr zu begegnen. Nicht zufällig. Ich hatte sie auf mich vorbereitet.
Als ich sie dann sah, sah ich mich wirklich einem anderen Mensch gegenüber. Mit Selbstsicherheit, konversatorischer Gewandtheit und modischer Eigentümlichkeit täuschte sie über die frühere Unattraktivität hinweg, dass diese fast ganz verschwand. Ja, sie wirkte anziehend überlegen. Es war mir nicht unangenehm, bei ihr zu sein, ihr zuzusehen, wie sie Anweisungen gab, wie sie ihren Beruf und ihr Leben in der Hand hatte. Diese zufriedene Fröhlichkeit, dieses befreite Lachen, das nicht mehr nach dem Schreien und nach den Hilferufen klang, die ich noch im Ohr hatte. Nicht dass ich mich zu ihr hingezogen fühlte, aber es war mir nicht unangenehm, offen als ihr verflossener Freund dazustehen.
Am Abend gingen wir essen. Keine Erinnerung mehr an unsere sparsamen Studentenmahlzeiten, wir hatten inzwischen zu bestellen und zu genießen gelernt. Dass sie als Gastgeberin auftrat, schmeichelte mir noch mehr. Es gab mir das Gefühl, als ausgehaltener Freund zu wirken, der ich mein ganzes Leben noch nie gewesen war und auch nicht mehr sein würde. Nachdem sie bezahlt hatte, gingen wir in ihr Hotel zurück, wo wir in der Bar noch etwas trinken wollten. Als es auch dort zu Ende ging und wir noch immer nicht müde waren, zogen wir uns in ihre Wohnung zurück und öffneten uns noch eine Flasche Wein. Als wir auf der Terrasse saßen, die angenehme, noch warme Nachtluft genossen, da glaubte ich den Hauch einer Idylle zu spüren, der uns nicht zustand. Ich musste ihn rasch zerstören.
- Da sitzen wir wie ein altes Ehepaar.
- Ist dir das unangenehm?
- Irgendwie schon. Ich glaube, das wäre nichts geworden mit uns.
- Und wenn wir Kinder hätten?
- Haben wir aber nicht.
- Bist du dir da so sicher?
Und dann erzählte sie mir von dir. Ich konnte lange Zeit nichts sagen. Ich hörte ihr nur zu. Ich fühlte mich wie in eine andere Dimension versetzt. Ich fühlte mich so ratlos, dass es mir peinlich wurde. Ich konnte nur immer wieder grinsen, den Kopf schütteln, zu ihr hinsehen und wieder wegsehen.
Als sie alles gesagt hatte, schien sie sich wohler zu fühlen und hüllte sich auch in Schweigen. Sie hatte sich von ihrer Last befreit. Sie hatte sie weitergegeben. „Ich habe das lange genug mit mir herumgetragen, jetzt bist du dran“, schien ihr Blick zu sagen.
Später schliefen wir miteinander. Aber es hat nichts zurückgebracht. Es war auch nichts da, was es hätte zurückbringen können. Die Stadt meiner Jugend war weit weg, auch meine Jugend begann sich schon zu entfernen, und sie war mir nie nahe gewesen. Am nächsten Tag beschloss ich, ihr endgültig aus dem Weg zu gehen.
Noch wusste ich nicht, wie ich mich dir nähern sollte.
Gott sei Dank habe ich den Brief bisher noch nicht abgeschickt. Er hätte Dich ja erdrückt.
Sicher kamst Du völlig unerwartet in mein Leben, an den Gedanken Deiner Existenz musste ich mich erst einmal gewöhnen, das wirst Du mir ja sicher glauben! Du wirst Dir vorstellen können, wie ich herumging mit Dir im Kopf. Und dann habe ich diesen Brief angefangen. Dabei bin ich immer wieder ins Stocken geraten, zuletzt rührte ich das Papier eine ganze Woche nicht mehr an. Dann versuchte ich es wieder, und wiederum ging es nicht. Jetzt habe ich zwei Wochen gewartet. Und bevor ich weiterschrieb, habe ich mir durchgelesen, was da so stand. Und ich war entsetzt.
Natürlich, es stimmt alles. Ich habe auch nichts vernichtet. Wenn ich den Brief jemals absenden sollte, so sollst Du alles zu lesen bekommen.
Entsetzt war ich über den Ton. Diese Schwerfälligkeit und Schwermütigkeit! So kann man sich doch keinem jungen Menschen nähern. Und wo war der außerdem hinverschwunden? Ja, größtenteils handelt der Brief nur von mir. Sicher kann ich über Dich nicht schreiben. Noch nicht. Ich kann Dir noch nichts über Dich erzählen, noch bin ich unterwegs, mich Dir klarzumachen. Wenn es Dich in meinem Leben geben soll, dann natürlich auch mich in Deinem. Also erzähle ich Dir von mir. Nur hatte ich beim Wiederlesen manchmal das Gefühl, ich schreibe an mich selbst, will mir selbst etwas klarmachen.
Vorsicht, schon wieder dieser Ton. Aber ich werde mich bemühen, anders zu sein. Ich bin also wieder zurück. Bei Dir.
Ich möchte Dir heute etwas Lustiges erzählen. Weißt Du, als ich ungefähr in Deinem Alter war,
Wird es mir jemals gelingen? Kannst Du mir nicht auch
Vielleicht sollte ich mich ganz offen und ehrlich und ganz locker Dir nähern. Du wirst das schon verstehen
Wieso hilft mir denn keiner?
Weißt Du, dass ich auch Gedichte schreibe? Hast Du das auch schon versucht? Deine Mutter hat es, wahrscheinlich um mir zu imponieren, aber es sah nicht viel heraus dabei.
Was bin ich denn für ein Idiot! „Um mir zu imponieren“ - ja, wer bin ich denn? „Es sah nicht viel heraus dabei“, woher nehme ich denn das Recht auf diese Überheblichkeit?
Heute ist ein ganz klarer Tag. Ich werde ganz klare Gedanken fassen und
Warum bilde ich mir denn auf meine Gedichteschreiberei gar so viel ein? Wenn es darum geht, etwas Lebendiges zu schreiben, dann gehen mir die Worte aus...
Noch einmal versuche ich es. Wieder einmal ganz anders. Also. Eine kleine Vorerklärung: Ich habe etwas getrunken, vielleicht bin ich dann lockerer und ungezwungener und schreibe einfach drauf los
Verzeihung
Aber jetzt bin ich so weit
Ja. Ich bin so weit, so weit weg. Noch bist Du so weit.
***
Es hat wieder nicht funktioniert. Jetzt ist ein Jahr vergangen, seit ich das letzte Mal an diesem Brief geschrieben habe. Ein Jahr. Es ist viel passiert in dieser Zeit. Was das für uns bedeutet, das lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ich bin ein Jahr älter geworden und Du auch. Was ist schon ein Jahr für Dich? Obwohl es Dir anders erscheinen wird. Ein Jahr älter - unter zwanzig ist das ein gigantischer Sprung für den Betroffenen, ein Riesenschritt zum Erwachsensein, dabei ist für Dich Gott sei Dank noch gar nichts entschieden, alles noch möglich, vieles noch offen. In meinem Alter ist ein Jahr schon viel deutlicher eine Verkürzung des Lebensjahre-Kredits, aber für mich sehen die Jahre ziemlich gleich aus. Vielleicht ist das gut so, dass ich den Rest in meiner Sanduhr nicht sehe, vielleicht nimmt es mir unnötige Beunruhigung.
Nein, lieber Sohn, ich werde nicht wieder sentimental. Das sind nur Gedanken von mir, die Du schon verstehen könntest. Oder doch nicht? Ich weiß ja gar nicht, was Du wirklich verstehst, verstehen willst, was Dich wirklich betrifft. Ich habe nicht einmal einen Namen für Dich. Zu schnell ist Deine Mutter wieder aus meinem Leben verschwunden, als dass ich sie danach hätte fragen können. Ich habe noch keinen Namen für Dich. Noch bin ich Dir nicht nahe. Noch muss ich bei der allgemeinen Anrede bleiben.
Ich glaube auch, wir könnten viel Spaß miteinander haben. Weißt Du, ich habe zwar gerade vom Alter und vom Altersunterschied, von umserem zeitlichen Abstand gesprochen, aber für mich bedeutet das nicht so viel. Ich glaube schon, dass ich einen Teil meines Jungseins herübergerettet habe. Dabei haben mir die Berufe, die ich schon ausgeübt habe, viel geholfen. Ich habe schon einiges gemacht, aber immer waren es Tätigkeiten, bei denen ich mit jungen Menschen zusammen kam. Auch meine Freunde sind mir sehr hilfreich. Alle haben sich ein junges Denken bewahrt - ach was soll das Herumgerede: Ich bin lange Zeit Erzieher gewesen und mit Freunden mache ich Musik, wir spielen in einer Band. Wir sind zwar nicht sehr bekannt, aber das stört uns in unserer Begeisterung nicht. Ich schreibe übrigens die meisten Texte für unsere Stücke.
Ich bin auch kein zurückgezogen lebender Mensch. Ich bin gerne in Gesellschaft, ich liebe es, mich zu amüsieren. Ich stelle es mir schön vor, mit Dir eine Nacht durch die Lokale zu ziehen, Dich überall stolz als meinen Sohn vorzustellen. Wir würden die Zeit vergessen, vielleicht auch ein wenig zu viel erwischen, aber das wäre uns egal. Ich habe übrigens auch einen Bruder. Der hat den selben Wunsch: mit seinem Sohn, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat, einmal oder auch öfter eine Zechtour zu machen. Nur mein Bruder hat es leichter. Er ist verheiratet und hat seinen Sohn bei sich. Er sieht ihn und sieht ihn aufwachsen, erwachsen werden. Das ist uns ja verwehrt geblieben.
„Verwehrt geblieben“. Was soll denn schon wieder dieser Jammerton? Es ist eben so und heute nicht mehr zu ändern. Wenn wir uns näherkommen wollen, geht es auch auf andere Art.
Ich wollte schon. An mir sollte es nicht liegen. Was ist mit Dir?
Den heutigen Briefabschnitt beende ich sogar einmal offiziell. Ich muss mich wieder um meine Lebensdinge kümmern. In Gedanken bleibe ich bei Dir und schreibe bald weiter.
Ja, ich glaube, jetzt geht es. Jetzt komme ich Dir schon näher. Ich hätte auch schon einen Namen für Dich, aber ich will ihn Dir noch nicht sagen. Aber ich fange endlich an, Dir näherzukommen. Endlich kann ich mit Dir reden.
Welche Musik könntest Du hören? Weißt Du, ich bin den halben Tag, bedingt durch meine momentane Arbeit, von Musik umgeben, von junger Musik, Musik, wie sie die Leute in Deinem Alter hören. Schon wieder dieses nebulose Herumgerede: Ein Freund von mir hat eine Bar, ein Pub, in dem ich manchmal aushelfe. Eigentlch ziemlich oft; ich gehöre schon fast zum Inventar. Meistens kümmere ich mich um die Musik. Es sind meistens junge Leute hier, Leute in Deinem Alter. Du kannst Dir denken, dass ich mir oft vorstelle, Du kämest zur Tür herein, und ich stelle Dich als meinen Sohn vor... Lassen wir das. Ich wollte mit Dir über Musik reden. Über die Musik meiner und Deiner Generation. Na ja, mir ist sie auch nicht so fremd und nicht so unangenehm; es interessiert mich selbst, auf diesem Gebiet immer auf dem laufenden zu sein, ja, ehrlich. Früher, als ich noch in Deinem Alter war, da konnte ich nicht genug kriegen von Pop und Rock, zu Hause lief den ganzen Tag Radio oder Plattenspieler. Musikfernsehen gab es leider noch nicht. Oder Gott sei Dank für meine Mutter, die wäre sonst volllends ausgerastet. „Ich bin gespannt, wann du endlich genug hast von dieser Musik.“ So sagte sie immer. Und ich dachte mir selbst, dass dieser Moment eines Tages wirklich kommen würde. Aber er ist bis heute nicht gekommen. Diese Musik, die in meiner Jugend zur Welt gekommen ist, bewahrt mir einen Teil meiner Jugend. Sie ist das, was mich von meiner Elterngeneration unterscheidet. Heute gibt es natürlich viele Spielarten, die wir zu meiner Zeit noch nicht kannten, aber entstanden sind sie alle auf den Grundlagen, die vor vier Jahrzehnten aufkamen.
Und welche ist nun Deine Lieblingsrichtung? Noch kann ich mir Dich noch immer nicht lebendig vorstellen, und daher habe ich keine Vorstellung von Deinen Vorlieben.
Oder auch Deine Kleidung. Wie könntest Du angezogen sein? Es gibt ja genug Leute, die sich über die verrückten Ideen Deiner Generation aufregen können, aber das verstehe ich nicht. „Ich weiß nicht, was an diesen Hosen schön sein soll“, hörte ich einmal jemand sagen. „Daß man sie nur tragen kann, wenn man unter zwanzig ist“, war meine Antwort darauf.
Ich habe auch immer Wert auf modische Kleidung gelegt. Als ich noch in der Ausbildung stand, konnte ich mir das meiste noch nicht leisten, aber sobald ich genug Geld verdiente, zog ich an, was mir gefiel. Ich lege nach wie vor Wert auf eine modische Erscheinung, aber keine Angst, Du brauchst mich Dir nicht lächerlich vorzustellen. Ich weiß, was ich nicht mehr tragen kann. Und auch gar nicht will, ich würde mich nicht wohl fühlen.
Noch immer habe ich kein Bild von Dir.
Ich würde Dich gerne Johannes nennen.
Heute Vormittag war ich ja besonders ausgeschlafen und positiv drauf; soviel Toleranz und Verständnis, dass man Zahnschmerzen davon bekommen könnte. Ich habe es mir jetzt am Abend noch einmal durchgelesen. Ja sicher, es stimmt natürlich, was ich damit meine, nur hat mich schon wieder etwas gestört an mir und meinem Ton: Dieser großzügige Erwachsenenton, der sich eingeschlichen hat: „Ja, ich verstehe euch so gut, weiß, was ihr meint. Aber wir zu unserer Zeit haben es trotzdem ein bisschen besser gewusst.“
Wir haben nichts besser gewusst. Uns war nicht bewusst, dass wir in einer Zeit jung waren, in der Grundlagen für etwas Späteres entstanden. Zusammenhänge sind immer nur im Nachhinein zu erkennen. „Alt und weise“, das wird man erst mit der Zeit. Aber die meisten glauben, ihre Weisheit schon immer besessen zu haben. Das sind die, die sich selbst und die sich auch ein anderer nicht mehr jung vorstellen kann und die so wenig Verständnis für Eure Geh- und Flugversuche aufbringen können. Sie können nicht verstehen, warum Ihr Euch so laut und auffällig gebärden müsst, warum ihr so viel offensichtlichen Unsinn macht. Aber lasst es Euch nicht nehmen. Es muss nicht alles einen Sinn ergeben. Gerade unter den sinnstiftenden Menschen gibt es so viele, die uns und in unsere Welt großes Unheil gebracht haben.
Ja, darauf wollte ich eigentlich hinaus. Fast habe ich Angst, danach zu fragen. Jetzt bin ich froh, dass Du mir noch nicht antworten kannst. Vielleicht könnte ich Deine Antwort trotz aller Toleranz nicht vertragen.
Es macht sich heute ein Denken breit, das mir weh tut. Ich kann es nicht verstehen, dass so viele Kinder - ja, ich will sie Kinder nennen, für mich sind sie Kinder - dass so viele Kinder Hass zeigen. Einen Hass auf Dinge und auf Menschen, die sie nicht verstehen. Ja, ich weiß, dass in unserer Welt so viel nicht stimmt, dass es so viel Ungerechtigkeit gibt, aber ein Mensch, der eine andere Sprache spricht, der aus einem anderen Land kommt, hat doch nicht die Schuld daran. Wenn Du das jetzt liest, oder irgendwann einmal lesen wirst, dann weißt du natürlich, worauf ich jetzt hinaus will. Ich möchte Dich ganz einfach fragen, was Du von all diesem hasserfüllten Unsinn, von dieser Feindseligkeit und diesem Hohn dem Fremden gegenüber denkst. Ich möchte Dir so gerne erklären, warum ich es dumm und unsinnig und auch für gefährlich halte, ich möchte mit Dir darüber reden, ja, einmal möchte ich wirklich versuchen, Dich zu beeinflussen, Dir meine Meinung aufdrängen. Aber es geht ja nicht...
Die Vorstellung, dass auch Du Dich so entwickelt haben könntest, so oberflächlich, seelendumm und menschenverachtend, das tut mir weh. Ich könnte es nicht ertragen, Dich auch mit Glatze, hohen Stiefeln und bösem, verächtlichen Blick zu sehen. Ich weiß nicht, wie ich dann mit Dir umgehen könnte, ich weiß es nicht. Ich glaube, nein, ich bin sicher, meine Liebe wäre noch immer da, aber sie würde sich anders zeigen. Sie würde sich so zeigen, wie man sie oft bei Menschen sieht, die Angst um ihre Menschen haben: Ich würde predigen, mit Dir schimpfen, Dir Dinge verbieten. Ich weiß es nicht, aber ich glaube, auch ich könnte mir nicht anders helfen, als auf diese Methoden zu verfallen, die auch unsere Eltern und deren Eltern angewendet haben. Ich würde mir so macht- und hilflos vorkommen. Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht, dass ich die Größe und Ruhe aufbringen könnte, mit Dir ganz ruhig und verständnisvoll zu reden. Ich glaube, ich hätte kein Verständnis. Bei Dir nicht. Oft genug bin ich als Lehrer mit diesem Problem konfrontiert, aber, obwohl ich meinen Beruf und meine Schüler liebe, so ist es doch nicht die selbe Liebe wie zu Dir. Das weiß ich jetzt. Obwohl ich Dich noch nicht gesehen habe. Vielleicht würde ich abweisend zu Dir sein, vielleicht würde ich gar nicht mehr reden mit Dir, vielleicht würde ich mit Dir streiten - aber alles wäre nur ein Ausdruck meiner Liebe zu Dir. Ja, dessen bin ich jetzt ganz sicher.
Aber es geht ja nicht.
Ich hasse Deine Mutter
Ich hasse ihr Schweigen
Ihren Leib
Ich beneide ihn um sein Wunder
Ich bin unfruchtbar
Ein verdorrter Baum in der Wüste
Zu schwach
Mir mein endgültiges Seil zu halten
Auch wenn ich nicht schwimmen kann
Ich finde kein Wasser
In das ich mich stürzen könnte
Ich kämpfe mich an die Grenze des Erreichbaren
Ich suche nur in der Nacht
Das Ende der Nacht
Die Sterne zeigen mir die Richtung
Aber ich kann sie nicht lesen
Und niemand liest sie mir vor
Niemand hat mir einen Weg geebnet
Deshalb hasse ich Deine Mutter
Weil ich vertrockne
Weil ich nicht lesen kann
Weil ich keinen Weg habe
Und weil nicht weiß wen ich sonst hassen sollte
Weil ich mich selber hasse für diesen Hass
Wie ich selber lebe? Wie ich heute lebe, möchtest Du vielleicht wissen? Möchtest Du das wirklich wissen? Ich glaube, ich möchte das selber nicht einmal wissen. Aber ich kann Dir davon erzählen, wie ich meine Tage verbringe, ich kann Dir davon erzählen, auch wenn es mir selber weh tut. Dir wird es nicht weh tun.
Wie lebe ich eigentlich? Nun, ich lebe allein. Nein, nein, ich beklage mich nicht, ich lebe allein, weil ich mir meine Unabhängigkeit bewahrt habe. Ich habe mir mein Leben eingerichtet, wie ich es wollte, nur meine Vorstellungen zählten. Ich habe einen Beruf gefunden, der mir Erfüllung gibt, der mir Freude macht. Ja, glaube mir, so ist es. Ich umgebe mich mit Dingen, die mir gefallen, höre die Musik, die mir gefällt, trage die Kleidung, die mir gefällt, treffe mich mit Leuten, die mir gefallen. Ja ich habe es mir gut eingerichtet. Wie es mir gefällt. Ich muss mir auch keine Sorgen um das tägliche Geld machen, auch dafür habe ich gesorgt. Es geht mir gut. Es gefällt mir so. So lebe ich. So fühle ich mich wohl.
So lebe ich? Ja, es stimmt, so lebe ich. Es stimmt, aber es stimmt auch das Gegenteil. Das ist nicht absurd. Ich lebe allein. Ja. Aber ich habe mir meine Unabhängigkeit bewahrt, weil ich unfähig war und weil ich noch immer unfähig bin, eine Bindung einzugehen. Ich weiß es nicht, warum das so ist. Ich will die Erklärung dafür heute gar nicht mehr wissen. Es ist so. Ich habe mir mein Leben eingerichtet, wie ich es konnte, nicht alles, was ich wollte, habe ich auch bekommen. Ich habe mein Leben nach meinen Vorstellungen eingerichtet, zumindest nach einigen davon, vieles habe ich im Laufe der Zeit vergessen. Lob der Vergesslichkeit. Vielleicht ist es für alte Leute ein Geschenk des Himmels, dass sie alles um sich vergessen. So können sie wenigstens ihre selbst verschuldeten Lücken nicht mehr erkennen. Aber so weit ist es bei mir im Moment noch nicht. Ich habe einen Beruf gefunden, der meinen Möglichkeiten entspricht und der mir Freude macht, ja, das stimmt, der mir Freude macht. Aber sicher nicht jeden Augenblick. Natürlich freue ich mich über die Tage, an denen ich nicht arbeiten muss. Ich umgebe mich mit Dingen, die mir gefallen und die ich mir auch leisten kann. Ich treffe mich mit Leuten, die mir gefallen, wenn sie Zeit dazu haben. Nur allzu oft gibt es Situationen, in denen niemand für mich verfügbar ist. Das ist der Preis des Alleinseins.
So lebe ich also? Worüber beklage ich mich denn? Wozu schon wieder dieser selbstmitleidige Ton? Eigentlich lebe ich gar nicht anders, als alle anderen. Ich lebe mein kleines Leben mit täglich Sorgen, täglichen Freuden, ich denke über Dinge nach, mache mir eine Meinung, denke über viele Dinge nicht nach, mache mir darüber keine Meinung, leiste meinen Beitrag, bin ein Mitglied der Gesellschaft und bekomme dafür, was mir zusteht.
So habe ich aber nicht immer gelebt. Einmal habe ich eine Zweisamkeit versucht. Ja, ich war einmal verheiratet. Ich habe es versucht. Es ist mir nicht gelungen. Es lag nicht an ihr. Meine Voraussetzungen haben nicht gestimmt. Ihre vielleicht auch nicht, das weiß ich heute nicht mehr so genau - habe ich es damals gewusst?
Ich habe mich auf die Ehe eingelassen, weil ich nicht mehr kämpfen wollte, weil ich nicht mehr verletzt werden wollte. Weil ich zur Ruhe kommen wollte. Und weil ich Kinder haben wollte. Das war der eigentliche Grund. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Wir trennten uns, als wir entdeckten, dass jeder schon längst wieder in sein eigenes Leben zurückgekehrt war und dass wir nur noch äußerlich zusammenlebten, unser Zusammensein nur noch vortäuschten. Uns selber vortäuschten.
Aber meine Ehe- und Scheidungsprobleme werden Dich wahrscheinlich nicht interessieren. Weil sie mich selbst auch nicht mehr interessieren. Damit habe ich abgeschlossen, dort habe ich keine offene Tür und kein unausgesprochenes Wort zurückgelassen. Ich will auch nicht noch genauer werden. Wissen solltest Du jedoch, dass es auch diese Form des Lebens für mich gegeben hat.
Wie könntest Du leben?
Gehst Du zur Schule?
Hast Du einen Beruf erlernt?
Was arbeitest Du?
Arbeitest Du gerne?
Liest Du gerne?
Gehst Du gerne ins Kino?
Was war Dein letzter Film?
Hast Du eine eigene Wohnung?
Ein eigenes Zimmer?
Bist Du mit jemandem zusammen?
Wie siehst Du aus...
Wie klingt es, wenn Du lachst?
Was isst Du gerne?
Ich weiß so wenig von Dir, so wenig. Ich weiß gar nichts von Dir und möchte doch alles wissen...
Warum ich Deine Mutter nicht frage? Ich sehe sie nicht mehr. Will sie nicht mehr sehen. Sie hat Dich mir nicht gegönnt. Und jetzt finde ich nicht mehr zu Dir.
Mein Sohn.
Einmal hatte ich einen Sohn. Der wurde mir später wieder genommen. Nein, nein, er lebt noch, glaube ich, aber unsere beiden Leben haben nichts mehr miteinander zu tun. Er wurde mir in den Arm gelegt. Ich durfte sein Taufpate sein. Nur einmal in meinem Leben durfte ich das sein. Mir war es ernst mit dieser Aufgabe. Ich wollte immer in seiner Nähe sein. Aber als sich mein Leben verwirrte, da verwirrte sich auch das Leben seiner Eltern, und wir verloren uns. Aber wir fanden uns wieder. Ich fand seine gestrandete Mutter, die ihren Sohn in ihr neues Leben herübergerettet hatte. Sein Vater war nicht mehr vorhanden, später verschwand er endgültig. Da fanden wir wieder zueinander. Ich entdeckte, dass ich noch so viel ungenützte Liebe hatte, und er konnte sie dringend brauchen. Ich habe ihn angenommen wie ein eigenes Kind. Natürlich, er wohnte nicht ständig bei mir, aber wir verbrachten viel Zeit miteinander. Er ließ sich auf mich ein und nahm mich als väterlichen Freund an. Er erfüllte mein Leben, und ich weiß nicht, ob ich ein eigenes Kind hätte mehr lieben können.
Das ging lange Zeit gut. Aber es kam der Moment, da er anfing, sich selber zu suchen. Da begann er auch, mich immer öfter zu vermeiden. Ich wollte ihm keine Vorschriften machen, aber es tat mir weh und ich hatte Angst um ihn, wenn ich sah, daaa er mit seinen Entscheidungen danebengriff. Es gab auch Zeiten, da fühlte ich mich von ihm persönlich und absichtlich verletzt.
Es kam zu schlimmen Worten zwischen uns. Es kam zu Anschuldigungen und Angriffen. Es tat weh, ihn aus meinem Leben langsam verschwinden zu sehen und ihn dabei auch versinken, untergehen zu sehen, wie glaubte.
Er ist nicht untergegangen. Er ist bei sich gelandet und klettert langsam nach oben, zu seinem eigenen Licht. Dabei braucht er mich nicht mehr, aber jetzt dreht er sich wenigstens manchmal wieder um und spricht mit mir. Es sind kaum mehr Spuren des Sturmes zu sehen, aber noch ist nicht alles ausgesprochen. Doch jetzt weiß ich, dass es eines Tages dazu kommen wird.
Es ist eine Beruhigung in unser Verhältnis eingekehrt. Nur muss ich mich erst daran gewöhnen, dass er nun sein Leben ohne mich führt, ohne mich dabei zurückzustoßen. Und das tut noch weh. Noch habe ich mich nicht ganz daran gewöhnt, dass er mir nun entwachsen ist.
Und das soll ich mir jetzt noch ein zweites Mal antun? Noch einmal einen Menschen annehmen, mich für ihn verantwortlich fühlen, ihn in meine Liebe einschließen und schließlich wieder hergeben müssen? Und diesmal tatsächlich meinen eigenen Sohn? Welche Bindung wird zwischen uns entstehen? Und: Von meinem angenommenen Sohn wusste ich bereits vor seiner Geburt, auf ihn konnte ich mich einstellen, er kam allmählich in mein Leben, aber Du brichst jetzt in mich ein, wo Du schon in dem Alter bist, Dich wieder freizumachen? Wie soll ich Dich annehmen, wenn ich Dich gleich wieder hergeben muss? Wie Dich begrüßen und gleich wieder verabschieden? Bin ich dazu bereit, will ich das überhaupt? Habe ich nicht langsam angefangen mich damit abzufinden, dass da niemand ist und niemand mehr sein wird? Habe ich nicht endlich angefangen, Freude an diesem Zustand zu haben? Warum soll ich jetzt plötzlich eine Verantwortung übernehmen, die ich immer gern gehabt hätte, die man mir aber bisher vorenthalten hat? Warum jetzt? Warum hast Du nicht bei mir Kind sein dürfen?
Du bist mein Sohn, ich habe Dich gezeugt. Aber wir sind uns fremd, wir kennen uns nicht. Wir haben verschiedene Leben gelebt, in verschiedenen Welten, bei verschiedenen Menschen. Müssen wir uns nicht fremd bleiben, wo es doch keine gemeinsame Welt wird geben können? Ist es nicht besser, wenn wir uns nicht sehen, wenn wir weiterhin in getrennten Welten bleiben? Ist es nicht besser, wenn ich Dich jetzt nicht mehr zur Welt bringe?
Es tut mir leid. Ich will Dich natürlich zur Welt bringen, ich wünsche mir nichts sehnlicher. Jetzt, da ich von Dir weiß, kann ich Dich nicht mehr aus meinem Leben wegdenken.
Es wird mir schwer fallen, mich von Dir wieder zu verabschieden, aber ich werde damit anfangen müssen.
Fast hätte ich Dich geboren.
Es kann nicht sein.
Es war eine Lüge.
Es gibt keine Kinder in meinem Leben. Es gibt viele junge Menschen, die wie Kometen sich meiner Umlaufbahn genähert haben. Aber sie sind alle weiter gezogen, und ich drehe mich wie eh und je um meine Lebenssonne und um mich selbst. Ein Komet ist mir sehr nahe gekommen, hat in meiner Welt sehr hell gestrahlt, es war ein wunderbares Schauspiel. Er kam mir so nahe, dass ich beinahe spüren konnte, wie schnell er unterwegs war. Er hat mein Leben berührt, hat zu leuchten begonnen, als er in meine Lebensluft eintrat, aber er ließ sich nicht von seinem eigenen Weg abbringen. Ein Asteroidenregen ging nieder, als er meine Welt streifte, viele Sternschnuppen gingen nieder und hinterließen tiefe Krater auf meiner Oberfläche. Ich habe mir auch etwas gewünscht. Es ging nicht in Erfüllung. Ich bin ihm nicht böse. Ich habe gar kein Recht dazu. Er hat seine Bahn und ich meine. Vielleicht kommt er mir wieder nahe in ferner Zukunft, wenn ich mich dann noch drehe.
Es war eine Lüge. Es hat keine Kinder in meinem Leben gegeben.
Mein lieber Sohn, ich werde diesen Brief an Dich jetzt beenden. Ich habe noch nicht alles gesagt, was ich sagen wollte, aber ich weiß nicht, was noch fehlt. Ich weiß auch nicht, ob ich den Ton getroffen habe, mit dem ich mich Dir nähern kann. Du bist mir sehr nahe gekommen, glaub es mir.
Auch wenn Du das nie lesen wirst.
Du bist in meiner Welt entstanden, hast sie verändert. Die Luft ist anders geworden. Dünner. Ich werde mich jetzt von Dir verabschieden. Das fällt mir schwer. Ich habe Angst davor, das endgültig letzte Wort dieses Briefes zu schreiben. Ich möchte in Ewigkeit an diesen Zeilen weiterschreiben. Aber meine Welt wartet auf mich.
Und Deine? Wartet Deine auf Dich?
Ich werde mich jetzt abwenden von Dir. Ich werde jetzt loslassen. Aber es tut weh. Wie eine Operation ohne Narkose, wie eine Geburt, obwohl es genau das nicht ist. Ich möchte Dir so gerne „lebe wohl“ sagen und kann es nicht.
Mein lieber Sohn, es war eine Lüge. Es hat keine Kinder in meinem Leben gegeben.
Auch Dich nicht. Du bist nie zur Welt gekommen, Du warst nur unterwegs in sie. Deine Mutter hat Dich verloren, als sie damals über die Treppe fiel. Es war am Beginn des Sommers, in dem unsere langsame Trennung begann. Noch lebten wir zusammen, aber wir wurden uns immer stiller. Ich war an dem Tag nicht zu Hause, als es passierte. Es hat niemand gesehen. Ich weiß nicht, ob sie stürzte oder sich fallen ließ. Ich will darüber nicht mehr nachdenken, das habe ich lange genug getan, vor diesem Brief und auch während der ersten Zeit des Schreibens. Ich will glauben, dass sie Dich nicht wegwarf, ich will glauben, daß sie Dich in ihrer Welt haben wollte, ich kann es glauben.
Ich habe nicht gewusst, damals, dass Du unterwegs warst. Ich habe es erst viele Jahre später erfahren, so wie ich am Beginn dieses Briefes geschrieben habe. Ich habe ganz am Anfang geschrieben, dass ich Deine Mutter hassen müsste, ja, dass ich sie hasse. Es stimmt nicht. Ich hasse sie nicht. Sie ließ Dich geschehen, weil sie ihre Traurigkeit bekämpfen wollte. Du solltest sie über mein Verschwundensein hinwegtrösten. Wie anmaßend von mir, meine Verstörung durch die gleichzeitige Nachricht von Dir und Deinem Nichtsein über ihren doppelten Schmerz, als sie Dich verlor, zu stellen.
Es hat Dich nie gegeben. Aber als ich erfahren musste, dass es Dich hätte geben können, da wurdest Du für mich lebendiger als alles, als ich selbst sogar. Ich musste diesen Brief an Dich schreiben, um Dich wieder loszuwerden, um Dich wieder aus meinem Kopf zu bekommen.
Der Brief ist zu Ende. Du bist immer noch in meinem Kopf. Aber anders. So, wie Du jetzt in mir bist, kann ich mit Dir leben. Du bist keine Erinnerung an etwas Vergangenes, keine Ahnung von etwas Zukünftigem, Du bist meine Vorstellung von etwas nie Gewesenem.
Es war eine Lüge. Aber Du bist keine Lüge. Du warst kein Komet, der meine Welt streifte, der seine Spuren hinterließ, Du warst auch nicht die Sonne meines Lebenszentrums, Du bist ein Trabant, den ich erst jetzt bemerke. Nein, Du bist auch kein Mond, Du bist nur das Licht des Mondes, das Licht, das von meiner Sonne kommt, dich bestrahlt und das Du zu mir zurückbringst. Weil ich will, weil meine Sonne es kann, wirst Du sichtbar, auch wenn Du nicht meine ganze Nacht erhellst, denn Du wohnst auf der dunklen, auf der mir abgewandten Seite des Mondes, zu der ich nie werde gelangen können.
Erinnerungen aus meiner Kindheit
Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend: Ein Freund meines Vaters hat nur ein Bein, seine Prothese machte mir Angst, in der Trafik arbeitet ein Mann im Sitzen, ihm fehlen beide Beine, ein Onkel, dem der rechte Arm fehlt (ich sehe ihn nur einmal im Jahr, und immer wieder ist es mir befremdlich, wenn er mir bei der Begrüßung die linke Hand gibt, ich kann mich nie daran gewöhnen), mein Vater, der nach einer Verwundung beinahe taub ist, was ihn immer trübsinniger macht, eine Tante, die nicht aufhören kann zu weinen, bis zu ihrem Tod nicht.
Alle diese Kriegsversehrten sind verschwunden. Auch mein Vater. Er hat nie vom Krieg erzählt, ohne Erklärung, ohne Rechtfertigung hat er zeitlebens darüber geschwiegen, ohne Sätze wie „Da denke ich nicht gerne dran“ oder „Das möchte ich alles vergessen“ – er verdrängte diese Zeit, was ihm aber nie gelang, seine Verwundung war ihm dauerhafte Erinnerung. Er wollte auch nie verreisen. Nie mehr. Der Spruch „Daheim ist es am schönsten“ kam ihm vom Herzen, erst nach und nach habe ich seine Bedeutung für meinen Vater verstanden.
Der Krieg ist lange her, ich habe ihn nie erleben müssen. Fast 80 Jahre dauert der Friede in Europa schon an. Und so soll es auch bleiben.
Und jetzt? Da droht ein neuer Krieg am Horizont, nicht in unserem Land, aber unsere Welt ist so klein geworden, so eng, eine Bedrohung, ein Kriegsgeschehen weit im Osten kann rasch und pandemisch auch in unser behütetes Leben eindringen. So weit darf es nicht kommen.
Setzen wir alles daran, den dauerhaften Frieden auszubauen und ihn in der Ferne aufzubauen, ja, jeder und jede Einzelne von uns ist aufgefordert, Nein zu sagen, Nein zu Krieg und Unmenschlichkeit, zu Nachbarschafts- und Mitmenschen-Feindlichkeit, verstecken wir uns nicht hinter schicksals-ergebenen Sätzen wie „Wir können eh nichts machen“. Doch. Können wir. Versuchen müssen wir es. Immer wieder versuchen. Gemeinsam stark sein gegen den Krieg. Und nicht einschüchtern lassen, nicht unterkriegen lassen.
Sprache...
Irgendwann beschloss der Mensch aufrecht zu gehen. Irgendwann beschloss er weiter zu sehen, an den Horizont zu gehen, anzufangen die Welt zu verstehen, sie zu begreifen, nicht nur mit den Händen, sondern auch mit seinem jungen ungeübten Hirn. Irgendwann fing der Mensch an sich ein Bild zu machen, von seiner Umwelt, von seinen Mitmenschen, von sich.
Und dann wollte er das Gefühlte auch mitteilen, mit den anderen teilen, wollte beschreiben, was er sah, gesehen hatte, welche Bilder er in sich hatte, welche Gedanken. Auch seine Träume, seine Pläne.
Irgendwann wurde es ihm zu beschwerlich, sich nur mit Gebärden auszudrücken, wollte er seine Stummheit verlieren, wuchs in ihm das erste Wort, wuchs aus ihm heraus und hinüber zu den anderen.
Irgendwann erfand der Mensch die Sprache.
Welche Erleichterung muss das für ihn gewesen sein, Laute zusammen zu fügen, diese zu ordnen und endlich etwas zu SAGEN, endlich zu REDEN.
Was für eine Errungenschaft, was für ein Fortschritt, was für ein Segen!
Aber schon passierte das, was mit allen menschlichen Erfindungen, bis heute, passierte – der Mensch konnte nicht voraussehen, was er mit Sprache auch anrichten konnte.
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, sie sprechen alles so deutlich aus“ sagt Rilke und meint damit, dass man mit Sprache auch Grenzen setzen kann, dass man die begriffene Welt auch einschränken konnte, beschränken konnte. Und dass man auch verschweigen konnte, verschleiern konnte, etwas anders sagen, als es wirklich war.
Mit der Sprache kam auch die Lüge in die Welt.
Geboren aus dem Wunsch heraus, sich zu erklären, sich zu öffnen, sich zu zeigen, zu sagen, was er denkt, hat der Mensch mit der Erfindung der Sprache auch die Möglichkeit gewonnen, zu sagen, was er nicht denkt.
„Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen“ sagt Kaspar im gleichnamigen Stück von Peter Handke resignierend.
Sprache um ehrlich zu sein oder unehrlich – das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Frosch und König
Heinrich hatte dieses Ende schon immer vorhergesehen. Schon sehr bald, nachdem sich ihre Wege gekreuzt hatten, als er auf diesen lachenden Lichtmenschen traf, war ihm klar, dass dieser sein Glück finden werde, und dass er, Heinrich, dazu beitragen würde, damit das auch eintrat, und er wusste, auch ihn werde das glücklich machen. Er selbst hatte schon sehr früh in seinem Leben erkannt: Er würde stets nur am Rande des Lebens, dem Glück der anderen sich aufhalten, würde immer nur hinübersehen in die gelingenden Leben zu zweit, zu diesen Seelenharmonien der Sich-gefunden-Habenden, der Vereinten, der paarweise Lebenden. Er hatte eine Weile gebraucht, bis er sich damit abgefunden hatte, nein, nicht abgefunden, er hatte es annehmen können, für sich annehmen. Und es auch zu genießen hatte er gelernt, sich selbst beigebracht. Das geschah aber nicht ganz einfach, nicht von selbst, er hatte einige Erfahrungen machen, Erkenntnisse gewinnen müssen, bis er soweit war und er sich und seinen Alleingang leben konnte. Liebte er ihn auch? Er strengte sich an und es gab Zeiten, da schien er auf dem Weg des Gelingens zu sein. Manchmal war ihm in seiner Seelenenge, als trüge er einen eisernen Reifen um sein Herz, der ihm verwehrte, sich einem anderen Herzen zu nähern. Aber er hat es gelernt, war noch immer dabei, es zu lernen, es gelang ihm täglich besser. Und dieser Lichtprinz hat ihm dabei geholfen und wusste es nicht. Ich will nun ihre Geschichte erzählen.
Hans – so will ich diesen anderen nennen – und Heinrich waren erst kurz auf der Welt, als sie aufeinandertrafen, sehr jung waren sie noch, fast noch Kinder. Und nahezu gleich alt, doch Heinrich war der Ältere. Ihre Begegnung fand in einer Lichternacht statt. Heinrich war dorthin geraten, als es ihm in seiner Welt zu stumm und dunkel geworden war, er wollte der schwarzen Luft, die ihn umgab und bedrängte, entkommen und im Licht baden, wollte Menschen-baden. Da sah er ihn: Umgeben von Fröhlichkeit und Lachen, von Zuneigung und Körpern. Er war der König dieses goldenen Lebens, dieses mit beiden Händen zugreifenden Genießens. Heinrich konnte nur staunen. Und er fasste den Entschluss, in der Nähe dieses Freude-Prinzen zu bleiben, von ihm zu lernen, sein Freund zu werden. Und Hans ließ ihn an sich heran, fand Gefallen an Heinrichs Tiefgründigkeit, seinem Ernst und seinem Außensein.
Sie wurden Freunde. Die beiden fanden zueinander und begannen, ihre Leben aufeinander abzustimmen, einander zu ergänzen, zu bereichern: Heinrich war dunkel schimmernde Tiefe, Hans glitzernde Oberfläche. Aber nicht nur. Heinrich entdeckte sehr bald, dass der lachende Lebenskönig nicht immer König war: Er hatte auch finstere und kalte Stunden, in denen er sich klein fühlte und Ängste hatte, wie verhext von einem inneren, lauernden Dämon. Heinrich lernte im Laufe der Zeit den Frosch im König kennen, den Verzagten, Verzagenden, den an sich Zweifelnden, den nicht mehr Singenden, sondern jämmerlich Klagenden. Er wirkte dann wie in einen Schacht gefallen, in einen Brunnenschacht, auf dessen Boden er dann herumkroch und sich aus eigenem Antrieb nicht mehr befreien konnte, nicht mehr Lichtkönig war sondern Frosch.
Da war dann Heinrich zur Stelle. Es gelang ihm immer wieder, seinen in sich und seinem Abgrund gefangenen Freund zu erlösen aus dieser im Dunkel tappenden Verwandlung, die sein eigener in ihm wohnender böse Geist bewirkt hatte. Nicht von außen kam die Verzauberung, der verwüstende Keim war in seinem Inneren aufgegangen, hatte sein königliches Selbstbewusstsein in zweifelnde Selbstanklage, Selbstverachtung verwandelt. Heinrich wusste damit umzugehen. Nicht tröstende Worte spendete er ihm, kein „wird schon wieder werden“, auch kein besserwisserisches „ich habe es dir gleich gesagt, es hat ja so kommen müssen“, nein, er war da für seinen Freund, besprach nicht stundenlang und quälend sein Leiden, sondern lebte sein Leben neben dem Brunnen, beschrieb ihm den Garten, erzählte von Erlebnissen, von Menschen, schwärmte von der Schönheit der Welt; so erzeugte er Licht im Schacht des verwunschenen Freundes. Und langsam gelang es diesem immer wieder, trockene Stellen an den Brunnenwänden zu finden, brachte aus Eigenem die Kraft auf, hinauf- und hinauszuklettern, Heinrich war da und nahm ihn in Empfang nicht mit „endlich geschafft!“, sondern „da bist du ja, komm, gehen wir, du Froschkönig“.
Erlösendes Lachen, Freude und Zurückfinden ins Licht. Hans war Heinrich in diesen Augenblicken so dankbar, sagte es ihm aber nicht, denn das wollte der nicht. Sie sprachen nicht mehr vom dunklen Gewesenen, ließen es zurück und ließen sich auf neue Abenteuer ein. Gemeinsam. Das war Heinrich Lob und Lohn genug.
Aber es ging nicht ewig so weiter. Der Dämon in Hans meldete sich immer wieder, der Dämon Unzufriedenheit mit dem, was er hatte, und mit dem, was er war. Eine Zeit war es gut, dann fiel er erneut in den Schacht. War Heinrich auch jedes Mal zur Stelle, so bangte er doch immer wieder aufs Neue, ob seine für den Freund angesparte Kraft noch reichen würde. Er war kein Wunderheiler, er war nur Freund.
Und dann passierte es.
Wieder einmal saß Hans fest in der feuchten und kalten Dunkelheit, da senkte sich etwas Glitzerndes herab zu ihm, von oben, von außen. War es ein Ball, war es ein Ring, ein Armband, eine Kugel? Was es auch war, es schien wertvoll, es war golden. Hans sah nach oben und blickte in ein suchendes Gesicht, das Gesicht eines Menschen, und der Blick schlug in ihm ein, bedrohte seinen Dämon. Könnte es sein, dass dieses Mädchen, denn ja, es war ein Mädchen, seine Selbstunzufriedenheit heilen könnte? Er nahm das goldene Ding in seine kalten Finger, streckte sich und hielt ihr das Wertvolle entgegen. Staunen auf ihrem Gesicht, als sie ihn auftauchen sah.
- Wer bist du?
- Niemand. Nur ein Frosch.
- Was machst du da unten?
- Mich selber suchen. Hab mich verloren.
- Und hast du dich schon gefunden?
- Noch nicht.
- Kann ich dir helfen dabei, zum Dank, dass du mir geholfen hast?
- Ja. Gib mir deine Hand, hol mich heraus und küsse mich.
Zaghaft tastete sie nach ihm, und als sie seine nasse Kälte spürte, fuhr sie mit einem Aufschrei zurück, und Hans glitt wieder in seine Dunkelheit. Sie nahm hastig ihr Wiedergewonnenes und stürzte zum Ausgang des Gartens. Aber da stand Heinrich.
- Was machst du hier?
- Mir ist etwas in den Brunnen gefallen und ein Frosch hat es mir wiedergebracht.
- Hast du ihm gedankt?
- Ich habe mit ihm geredet.
- Das ist alles?
- Ich wollte ihm meine Hand reichen und ihn aus seinem feuchten Verließ befreien, das wollte ich gerne machen. Ich sollte ihn auch küssen, ich war ja bereit dazu, glaub mir, aber als ich ihn berührte, seine kalte Haut, ekelte mich vor ihm.
- Dich ekelte? Glaubst du, du würdest dich anders anfühlen, wenn du in seiner Lage wärest?
- Wahrscheinlich nicht.
- Dann geh zurück und hilf ihm heraus.
Sie war unschlüssig, wäre am liebsten verschwunden, hätte sich nur zu gern einfach in Luft aufgelöst, aber das ging nicht, Heinrich versperrte ihr den Weg. Sie überwand sich und ihren Ekel und ging zurück und blickte in den Abgrund. Was ihr entgegenstarrte, waren die traurigen Augen des hilflosen Frosches. Sie fasste sich ein Herz, griff nach seinen feuchtkalten Fingern, umklammerte sie und zog ihn heraus. Nun stand er vor ihr, triefend noch von seiner nassen Tiefe. Jetzt sollte der Kuss folgen. Sie schloss die Augen, kam ihm mit ihren Lippen entgegen – und schaffte es nicht. Zuviel an Überwindung hätte es sie gekostet. Sie stieß ihn von sich und er prallte hart an die Brunnenwand, sackte zusammen und blieb reglos am Boden liegen.
- Was hast du gemacht? Willst du ihn töten? Dafür, dass er dir geholfen hat? Was ist dein goldenes Spielzeug wert verglichen mit seinem Leben?
- Das wollte ich nicht! Es tut mir leid, ich hab nur an mich gedacht.
- Dann versuch es noch einmal, mach es noch einmal, mach es besser, werde besser.
Sie bückte sich zu Hans hinunter, dessen Namen sie gar nicht kannte, nichts wusste sie von ihm, noch, hob ihn auf, nahm ihn in die Arme und küsste ihn. Und jetzt erkannte sie ihn. Erkannte die Zärtlichkeit in seinen Augen, seine Bereitschaft, sie zu lieben. Jetzt wusste sie, dass er Hans hieß. Und sie ließ sich ein auf ihn. Der König hatte seine Königin gefunden.
Ja, manchmal passieren noch Märchen, nicht Wunder, Liebe ist kein Wunder, Liebe passiert, oder sie passiert nicht.
Ist die Geschichte hier zu Ende? Fast. Da ist noch Heinrich. Auch er war glücklich. Nicht sein eigenes Glück hatte er gefunden, aber sein Freund Hans hatte seinen Froschdämon endlich überwunden, das war ihm Seligkeit. Fast war ihm, als zerspränge der eiserne Reifen um sein Herz, zerspränge mit lautem Krachen, sodass nicht nur er es hörte. Hans wandte sich erschrocken zu ihm.
- Was war das Heinrich? Etwas bricht da!
- Nein, Hans, ich bin so froh für dich, dass mir fast das Herz zerspringt.
- Das soll es nicht. Du brauchst es noch.
- Vielleicht.
Dann gingen sie aus dem Schicksalsgarten. Vorne der König und seine Königin. Und hinter ihnen Heinrich. Wer weiß, vielleicht wartete auch auf ihn ein Mensch, den er ins Leben küssen musste. Er konnte warten. Hundert Jahre vergingen schnell.