WANINGU

Du bist zu früh von uns gegangen
in dir war so viel Verlangen

nach Traum, nach Leben und nach Wirklichkeit.

Und du warst weit
von allen diesen Dingen.
Du warst ein Kind
verloren in dem Wind
der dich geboren hat
du hattest Stärke
aber keine Werke
und doch so viele Pläne.
In keiner Stadt
hast du den Platz gefunden
um deine Wunden
zu pflegen
und dich nur hinzulegen
und zu warten
dass einer eine Lösung hat.

Und doch:

Es waren viele an deiner Seite

die die Weite
deiner Sehnsucht spürten.
Aber du konntest nicht groß sein
du wolltest nur bloß sein
das was du fühltest

und wohin deine Träume dich führten.
Zu früh bist du gegangen
und dein Bangen und Hoffen mit dir.
Doch du bist nicht verschwunden
du bleibst uns erhalten
du hast ein Kind
und wir sind dir dankbar dafür.
Nicht verloren im Wind
Nicht vergessen im kalten Leben

Nach dir.

In den kalten Zeiten die kommen
strahlt deine Liebe
die da war

und die heilt unsre Wunden

KOMPETENZFRAGE


Deine Tränen
und ich
aber
aber warum
warum ich
nicht mit mir
Ich nicht

Ich bin nicht mehr zuständig für deine Tränen

Wir sind nicht mehr wir
du hast meine Ferne gesucht
ich habe sie dir gegeben
damit ist alles getan
ich bin nicht mehr zuständig

Ich bin nicht mehr zuständig für deine Traurigkeit

für deine ernsten Augen
und für die Stille im Haus
für deine Trauer
dafür bin ich nicht mehr zuständig
du hast nichts verloren
du hast es weggeworfen

Ich bin nicht mehr zuständig für deinen Schmerz

ich habe nicht operiert
ohne Betäubung

Und auch für deine Einsamkeit bin ich nicht mehr zuständig

für die schon gar nicht
auch für deine Krankheit nicht
und nicht für deine Armut
deine Müdigkeit
deine Lustlosigkeit
und alle deine Fragen
Wende dich bitte nicht mehr an mich
ich bin nicht mehr zuständig

Es war nicht meine Schuld
es war nicht meine Schuld
dass ich kein solcher werden wollte
wie einmal ein anderer gewesen ist

für dich
ich bin kein Formular
das der Benützer nur auszufüllen braucht

ich bin schon fertig
mit meinem ganzen Ich
ich wollte nur ich sein
für dich
mit meinem ganzen Ich

und deshalb bin ich auch nicht mehr zuständig für deine Fragen

da ich dir doch zu wenig sage
wie du behauptest
Erzähl mir nichts mehr

ich bin gerade dabei mir deine Stimme abzugewöhnen

wirf mir nichts mehr vor

ich bin nicht mehr zuständig für deine Verbitterung
Ich bin nicht mehr zuständig für deine Unzufriedenheit
ich habe mich bereits aus dem Verkehr gezogen
es gibt mich nicht mehr auf deinem Markt
für deine Beschwerden bin ich jetzt nicht mehr zuständig

Die Schwere deines Lebens
dafür bin ich jetzt nicht mehr zuständig
ich lehne jede Verantwortlichkeit ab
ich lehne es ab dein Zerstörer zu sein
ich lehne es ab dein Krankheitsherd zu sein
ich lehne es ab dein Mörder zu sein
Denn wenn ich deinen Vorstellungen nicht entspreche

dafür kann ich nichts
Mir war es ernst
von Anfang an war es mir ernst
ich war bereit wir zu sein
Bezeichne es nicht als Unreife
wenn ich noch immer nicht so geworden bin
wie du mich haben wolltest
Bezeichne es nicht als Schwäche
wenn ich mir gleich bleibe

Bezeichne es nicht als meine Schuld
wenn es dir nicht gelingt
mich zu bejahen

Ich bin nicht mehr zuständig für deine Vorstellungen
Ich bin nicht mehr zuständig für deine Zukunft
Das habe ich jetzt alles selbst
Deshalb behalte auch deine Tränen

„Bevor die Fälschungen beginnen“ (Stephan Eicher)

1
So
Ich werde jetzt heimgehen
und leben
Es gibt noch ein Leben
jenseits der Arbeit
Es gibt ein Erleben
von Freude und Freiheit
Es gibt ein Erleben
vom Ichsein vom Dusein
Ein Erleben vom Wirsein
Ich werde jetzt heimgehen
und mich leben lassen
Ich kann es zulassen
endlich zulassen
und kann endlich fassen
endlich zufassen
Ich kann endlich heimgehen
zu mir gehen
Ich kann mich endlich gehen lassen
Endlich habe ich das Warten verlernt
Endlich ist es so weit
dass ich
2
Sie ist nicht zur Arbeit gekommen
Sie hat am Telefon nicht abgenommen
Sie ist zu niemandem gekommen
Sie ist nirgends angekommen
Sie wurde weggenommen
Sie ist abhandengekommen
Sie ist der Welt abhandengekommen
Uns abhandengekommen

3
Wir glauben es nicht
Es kann nicht sein
Es darf nicht sein
Sie muss da sein
Wir glauben es nicht
Zorn in uns
Nichtverstehen in uns
Nichtbegreifen in uns
Wir glauben es nicht
Wir glauben es einfach nicht
4
Dann die Zeit der brennenden Kerzen
Die Zeit der Blumen
Die Zeit der Tränen
Die Zeit der Stille
Die Zeit der Leere
Die Zeit der Schwere
Die Zeit der brennenden Schmerzen
Die Zeit da wir uns abfinden
und lernen dein Verschwinden
hinzunehmen
anzunehmen
Die Zeit der Klarheit
der Wirklichkeit
der Wahrheit
Die Zeit der schmerzenden Wahrheit
5
Dann dein Abschied
Dein Abschied von uns
Unser Abschied von dir
Deine Lieder
Deine Menschen
Die Worte deiner Menschen für dich
Die sprachlosen Worte
Das sprachlose letzte Wort
Dein sprachloser letzter Ort

6
Und ich lasse keine Fälschungen zu
Kein Dich-anders-Sehen
Kein Dich-von-Ferne-Sehen
Ich werde dich immer nahe sehen
Dich immer so sehen wie du warst
Ich sehe deine Freude
Ich sehe dass du dich nicht vergeudest
an Dinge die es nicht wert sind
Ich sehe dein Leben
Ich sehe dein Streben
nach Frohsein
nach Wohlsein
Ich sehe dein Muttersein
Dein stolzes Muttersein
Dein Stolz-auf-deine-Kinder-Sein
Dein gelungenes Muttersein
Ich sehe dein Lehren
Dein Erklären
Dein Leben-Erklären
Dein Niemandem-die-Zukunft-Verwehren
Dein freundschaftliches Lehren
Ich sehe dein Sehnen
Ich sehe dein Suchen
und Warten
auf Zweisein
Vereintsein
Und ich sehe dein Finden
Ich sehe dein Leben
Dein gelungenes Leben
Dein kurzes gelungenes Leben
Ich werde dich immer so sehen
So wie du für mich gewesen bist
Wo immer du jetzt bist
Im Überall
Im Nichts
An einem Ort bist du immer
In mir
So lange ich bin

Dichterzweifel

SVENS DILEMMA
O wenn doch die ganze Welt in Worte zu fassen wäre!
Ich will der Welt doch etwas sagen
Ich will etwas sagen
der Welt etwas sagen
Ich will die Welt sagen!
So viel Worte schon in der Welt
so viele Sänger schon vor mir
so viele Wortesucher
Wortebeschwörer
Wortepflücker
Blumenpflücker
Blumenwörter und blumige Worte
und Wortblumen
blaue Blumen und Blüten
Stilblüten
blühende Stile
Zeiten der Reife und der Vollendung
erste Worte und letzte
Mama, mehr Licht!
abgerundete poetische Schöpfungen voll edlem Gehalt
zeitlos
klassisch
und kantiges Gestammel voll unverständlicher Neuheit
aus der Zeit geboren
zeitgeistig
berührend in der Wirkung
aufrührerische Absichten
gewollte Tragik und ungewollte Komik
breite Massenwirkung
und nur für einen kleinen Kreis auserwählter Kenner bestimmt
und Liebhaber
Liebesschwüre und Hasstiraden
emotionsgeladen überladen überfrachtet verachtet ausgeschlachtet ausgeschrieben
ausgeschrieen und ausgepfiffen
im Stil vergriffen und im Handel vergriffen
Ladenhüter
Hüter von literarischen Traditionen
traditionelle Sprache oder konkret poetisch erneuert
effektvoll verfremdet
dem Lebenssinn entfremdet
voll Tiefsinn und Unsinn und sinnlos
alles so sinnlos
oder sinnig sehr sinnig
trübsinnig
und traurig und frühgereift und zart
O Mensch die Welt ist tief und hart
es bleibt uns nichts erspart
uns Menschen
nur manchmal schiebt sich mein Pupillenvorhang lautlos auf

dann wird's mir edler im Gemüt
und ich träume nicht mehr mir das Messer in das Herz
Fallt ab ihr Herzen
Wozu die Schmerzen wozu das Geschrei wozu der Lärm
ich will's nicht dreimal sagen
aber ich will es sagen ich will es sagen!
O wenn doch alles in Worte zu fassen wäre
in neue Worte meine Worte unverwechselbare Worte
O nein nicht diese Töne
ich möchte neu sein ich möchte ich sein ich möchte Sänger sein
das ist mein Fluch
immer wieder Versuch um Versuch
ich werd sie nicht mehr los
die Geister die ich gar nicht rief
es zwingt mich
mich in die Welt zu werfen
und dann mich in mich selbst zurückzuwerfen
mein Bild von der Welt zu entwerfen
mich zum Retter Beschwörer Erneuerer Bekehrer Belehrer aufzuwerfen
mich dann zu überwerfen mit der beschworenen Welt
der Welt und ihren Höhlenmenschen die das Licht verschmähen
mein Licht!
Nehmt doch mein Licht!
Mehr Licht!
Und immer noch mehr Licht!
Sie schreien und hören mich nicht
bewerfen mich mit Steinen
werfen mir Dummheit vor
und dann in mir die Lust alles hinzuwerfen
alles zu verwerfen
mich wegzuwerfen
der große Wurf ist nicht gelungen
In Worte fassen in Worte fassen
ja
Am Anfang war das Wort
Und auch am Ende sei das Wort
dazwischen Welt
die Welt in Worte gefasst
in Worten gefangen
eine Welt aus Worten - meine Welt
Ich kann's nicht lassen
und
ich kann's nicht fassen
es ist doch nicht zu fassen
Wie fass ich dich - du tausendmal Gesagte
ich bin der Abgesandte der Wahrheit
ich bringe die Botschaft vom Glück - ich - Botschafter des Heils
wer mich liest dessen ist das Himmelreich
Lasset die Leser zu mir kommen und hohe Gesänge anstimmen

wie edel der Mensch doch sei
Freude
wenn es götterfunkt und götterdämmert
mein Platz ist jenseits von Gut und Böse
und ich befehle mir kategorisch - der Mensch hat gut zu sein!
Und ich bin auch der Spieler
süchtig nach meinem Hirnschach
verliebt in die Figuren
die ebenholzenen und elfenbeinenen Türme
und Könige und Bauern
schön überblickbar in genau eingeteilten schwarzen und weißen Kästchen
immer wieder und immer wieder
zurück zu meinem Spielfeld
aus immer den gleichen Bestandteilen immer neue Variationen
nie dasselbe und doch ewig das gleiche
nutzlos und sinnlos
nur mir zur Freude und meinen Mitsüchtigen
ein Spiel ein Spiel
ein köstliches Spiel
wer es nicht versteht lasse es bleiben
eine Dichtung ohne Zwang ohne Gewähr
raum- und zeitlos
völlig losgelöst
ein Spiel nur ein Spiel
je weniger mich lieben umso wertvoller sind mir meine Glasperlen
die ich doch keinen Säuen vorwerfe
ich liebe es
nicht verstanden zu sein
ich liebe es nicht
beantwortbare Fragen zu stellen
möchte Frage sein
ich schreibe unter dem Zeichen des Fragezeichens
nicht hinterfragbar fragwürdig
geheimnisvoll sphinxisch
löst meine Rätsel nicht nein lasst mir mein Dunkel
tappt darin
für mich ist alles Dichtung wenn es euch nur nicht unterhält
mein Hirnschach erlaubt mir sogar ein Telefonbuch zu dramatisieren
versteht ihr das?
Nein?
Dann ist es gut
Aber ich bin auch der Böse
der euch ins Gesicht spuckt auf eure Gräber spuckt
der Unzufriedene
der nur hassen kann und will
alle Menschen verachtet
weil sie dumm sind und klein sind schmutzig und böse
ich zeige euch
wie dumm und klein und schmutzig und böse ihr seid

an mir zeige ich es euch
ich zeige mich euch dumm und klein und schmutzig und böse
ich will von euch nicht geliebt sein weil ich euch nicht liebe
Doch dann wieder voll Liebe
Mein ganzes Herz sei dein sei euer
Die Liebe sei die Mutter unser
Jedes Wort ein Kuss der ganzen Welt
ich will euch sanfte Lieder singen
in eure Seelen dringen
sanft und weich und gut
Oder dann doch wieder voll Wut
kochendes Blut und pochende Faust
vor Funken stiebend
Die Welt in Worte fassen.
Sich nicht beirren lassen.
Und immer zweifeln.
Manchmal verzweifeln.
Dann von vorne anfangen.
Von den Wörtern gefangen.
Ich ringe nach Worten.
Ich ringe mit den Wörtern.
Es muss sein.
Es kann nicht anders sein.
Ich kann nicht anders sein.
Schreiben.
Die Welt schreiben.
In der Welt der Wörter bleiben.
Um mich kurz zu fassen:
Ich kann's nicht lassen
die Welt in Wörter zu fassen.

April 2002